Kaleidoskop-Knudsen: Ein Reisebericht

von Christina Forsbach

„Ja, zum Urlaub schon, aber immer in diesem Wohnmobil wohnen? Das könnte ich mir nicht vorstellen.“ Diesen Kommentar höre ich immer wieder am Rande der „Open Wohnmobil-Party“, die wir in idyllischer Atmosphäre am Canal Saint Martin in Paris veranstalten. Ein Kennenlernen zwischen Knudsen und Anitas Pariser Freunden ist geplant. Gesagt, getan. Wir haben ein Fass Bier, Apfelschnaps aus Norddeutschland, eine selbstgenähte Girlande und Campingstühle, außerdem die Unterstützung freundlicher „éboueurs“, Pariser Straßenarbeiter, die uns ihren Kühlschrank zur Verfügung stellen. Ein Café (besser als Bio-Klo) ist um die Ecke. Wir haben an alles gedacht. Später, als ich beim Zähneputzen das sich im Wasser spiegelnde Mondlicht betrachte, ahne ich, dass dieses Leben im Wohnmobil nicht nur diesen, sondern wohl so manch anderen Organisationsaufwand erfordert.

Am folgenden Tag schlagen wir den Michélin-Plan auf und tippen auf die Normandie. Ich kann kaum warten, aus der Großstadt Paris zu entfliehen. In der Koje über Knudsens ruhendem Motor war ich an der Grenze zur Platzangst gewesen. Auch der Kontrast zwischen unserem „Heim“ am Rande einer vielbefahrenen Straße durch den Bois de Vincennes, wo immer wieder „SDF“ (weniger politisch korrekt auf Deutsch mit „Obdachlose“ zu übersetzen) um unser sicheres Gefährt streichen, und der hell erleuchteten Buchhandlung Gallimard, in der ich einen in Leder eingebundenen Gedichtband erstehe, erschreckt mich. Warum eigentlich? Im Grunde genommen ist hier alles „normal“: wie jede meiner anderen Freundinnen auch, dessen Apartments ich besucht habe, hat mir Anita morgens etwas Müsli zum Frühstück bereit gestellt. Und doch habe ich mich gefreut, mir eine heiße Schokolade im Café Angleterre zu kaufen, Waschräume inklusive.

Knudsen passt eben eher aufs Land. Hier wirkt er glücklicher, wenn der Reifen seiner sanften Gummischnauze die frische Luft spürt. Wenn wir spontan abbiegen, um auf einem Hof am Wegrand bei einem gemütlichen Bauern eine Flasche hausgemachten Cidre zu kaufen. Wenn unser einziges Ziel ein Stellplatz am Meer ist, die Kulisse des Mont Saint Michel am Horizont, und wir zum Geräusch der Wellen einschlafen. Ich beginne, mich an Knudsens organisierte Gemütlichkeit zu gewöhnen. Auf Kontaktlinsen (das Wasser zum Händewaschen ist knapp), eine häufige Handynutzung (kein Strom, im Übrigen sind iPads aber kleine Batteriemarathonläufer) und Schminke verzichte ich, dafür gewinne ich das klare Meer am morgen, in das ich am liebsten nackt springen möchte. Fast mit Schadenfreude beobachte ich die Busse, die eine ganze Ladung Touristen auf den Strand von Arromanches-les-Bains kippen, damit diese in verschiedenen Sprachen den Führungen im Museum der Landung der Alliierten folgen. Bestimmt haben sie schon mehrere Stunden Anfahrt hinter sich, während wir einen Kilometer entfernt auf einer Anhöhe über dem Strand neben einer Infotafel die Nacht verbracht haben (übrigens haben wir erst morgens gemerkt, dass die Betonblöcke, die vor unserer Haustür im Meer lagen, keineswegs Zufall sind, sondern die Überreste des von den Briten entwickelten künstlichen Hafens „Mulberry Harbor“, ein wahrliches Meisterwerk der Militärgeschichte). Mit Ironie begegnen wir auch der Tatsache, dass wir nur zwei Kilometer vom mondänen Seebad Deauville entfernt einen Wohnmobil-Stellplatz finden und abends im Licht des Sonnenuntergangs in das Herz dieser bunten Welt spazieren, auf der Suche nach einer Strandbar und ein bisschen Strom.

IMG_4813

Was ist dieses Gefühl ? Ein gewisser Frohmut und eine Leichtigkeit, die mit dem Befreien von einem solchen Ballast in der Welt rührt: keine Suche nach überfüllten Jugendherbergen, keine langen Nach-Hause-Wege, kein Streben nach finanzieller Sicherheit, damit die Hotelrechnung (und noch so viel mehr) bezahlt werden kann. Kein bizarres Straucheln des Individuums in der Gesellschaft, wie es so eindrucksvoll F. Scott Fitzgerald beschrieben hat, dessen Geschichten ich während des Frühstücks am Strand lese. Stattdessen eine pure Wahrnehmung des Grases unter unseren Füßen, während wir eine Herde Kühe beobachten. Ein Spiel mit den Wind, der immer wieder Knudsens etwas wacklige Seitenspiegel einklappt wie Elefantenohren. Ein Gefühl der Gezeiten, mit denen wir leben. Ein Wundern über die Menschen, die wie Ameisen jeden Knotenpunkt unserer Route bevölkern.

„I was within and without, simultaneously enchanted and repelled by the inexhaustible variety of life.“ (F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby).

Kummer-Knudsen

Der alte Zottel liegt im Krankenhaus. Uns trennen 700 Kilometer. Er ist in Paris. Ich bin in Stuttgart. Eine ungewollte Fernbeziehung. Was ist passiert?

IMG_4802[1]Drei Wochen Urlaub lagen wie ein schlafender Hund vor meinen Füßen. Freiheit. Radkarten auseinanderfalten, im Wintergarten Vögel beobachten, bei Muttern mit Teddy einschlafen. Ende Juli, dann der große Trip nach Frankreich. Über die Ardennen nach Paris. Noch 30 Kilometer vor grauem Großstadtbeton, unendlich viele Tagesschau-Wettervorhersagen-Motive. Mein rechter Außenspiegel, eingeklappt wie ein Elefantenohr. Nicht so gut. Jeder Spurenwechsel, eine Herausforderung für meinen Stoffwechsel. Sonntag, 15 Uhr. Knudsen parkt in Paris.

Ich treibe auf zwei Rädern durch die Stadt. Für die „Open-Van-Party“ suche ich ein lauschiges Plätzchen, gut angebunden an die Metro und mit dem gewissen Etwas. Unterhalb einer Straße entdecke ich ein verlebtes Kanalufer. Ein paar Müllwagen stehen kommunikativ umher, male in Gedanken Sprechblasen über ihre Fahrerkabinen. Die Straßenfeger selbst, auch ein sehr redseliges Völkchen. Nachdem ich ihnen Apfelschnaps verspreche, darf ich alles, auch ihre Kühlschränke mitbenutzen.

Knudsen, nach einem Besuch in der Waschanlage noch nie so herausgeputzt, bereit, meine Pariser Freunde kennenzulernen. Gitarrenklänge, Regentropfen, schwimmende Lichter auf dem Kanal. Es war ein Abend, der im Sand einen Abdruck hinterlassen würde. Nie hätte ich geahnt, dass in fünf Tagen alles anders sein wird.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Am Morgen nach der Party schauen meine Freundin und ich zum ersten Mal in den Atlas. Wohin soll es eigentlich gehen? Vielleicht ans Meer? Ans Meer.

Bretagne, Normandie, entlang an den Stränden der Alliiertenlandung, dann über Verdun zurück nach Deutschland. Das Leitmotiv: der zweite Weltkrieg. Klingt nach einem guten Drehbuch, oder? Nur der Regisseur hatte einen Filmriss.

Kurz vor Paris, auf dem Weg nach Verdun, macht Knudsen auf einmal seltsame Geräusche. Sehr dumpf und ungesund. Im dritten Gang zittert das Lenkrad. Im vierten und fünften Gang ich. Vor lauter Stress habe ich eine Salzstangen-Fressattacke. Fünf Salzstangen pro Sekunde ziehe ich runter. Mit 60km/h und Salzkrümeln in den Mundwinkeln schleichen wir in die Innenstadt.

Mein Bauch sagt mir, dass die Reise hier in Paris zu Ende sein wird, obwohl Knudsen immer genug Drinks hatte. Öl, Wasser, alles ok. Ein Blick unters Auto macht mich auch nicht schlauer, nur meiner Freundin Angst, weil einige Rollerfahrer sehr dicht an meinen Fahrgestellen vorbeiheizen. Gute Nachricht: Meine Beine sind noch dran. Schlechte Nachricht: Es ist Freitagabend, alle Werkstätten haben zu und ich bin NICHT im ADAC. „Sorgen kannst du dir morgen auch noch machen“, sagte meine Pariser Freundin, bei der wir nach drei Tagen erstmalig wieder Kontakt mit Wasser haben durften.

Samstagmorgen, 8 Uhr. Ich kann nicht mehr schlafen. Habe ich überhaupt geschlafen? Ich weiß es nicht. Ich bin total aufgekratzt. Ich rufe mehr als 30 Werkstätten an. Kein Erfolg. Die ersten Tränen kullern herunter. Samstags seien alle „mécanciens“ ausgeflogen, und Madame, es ist Urlaubszeit, wir können leider nichts für Sie machen. Was haben Sie denn für ein Modell? Einen Mitsubishi. Da können wir leider noch weniger für Sie machen. Sie sollten französische Autos kaufen. Haha. Vom Balkon des 10. Stocks blicke ich hinunter. Springen will ich nicht.

Ich schaue meinen weißen Marshmallow an. Vielleicht gibt es ja Anleitungen im Internet für Wohnmobil-Flügel? Dann würde ich mit Knudsen nach Stuttgart fliegen und hinter mir eine Spur aus Sternenstaub hinterlassen.

Ich bin verzweifelt.

Ein Hoffnungsschimmer glimmt auf. Eine Frau am anderen Ende der Leitung spricht zu mir. Bis halb1 soll ich aufschlagen, danach seien die Schotten dicht. Also nochmal 15 Kilometer quer durch Paris schlängeln und beten, dass nichts passiert.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Das angebliche Ziel: eine heruntergekommene Häuserfassade mit einer zentimeterdicken Posterschicht. Das darf jetzt nicht wahr sein. Ein Blick auf die andere Straßenseite. Huch, da ist ja eine Werkstatt. Mit einem anderen Namen, aber egal. Direkt hin.

Meine Freundin und ich warten im angestaubten Empfangsbereich. Ein Afrikaner textet uns zu. Er schwärmt von der deutschen Sauberkeit und den sauberen deutschen Frauen. Ich kann nicht mehr. Endlich! Ein mécanicien, Typ Feldmaus mit magischen Händen, befreit mich. Wir machen eine Spritztour. Es gibt ein Problem mit dem Motor, aber wir können Ihnen leider nicht helfen, Madame, Ihr Wohnmobil ist zu hoch für unsere Hebebühnen. Mein Kumpel hat eine LKW-Hebebühne. Einfach geradeaus fahren.

Tief durchatmen. Zurück ins Auto, neuer Versuch.

Die Werkstatt hat zu. Alles vergittert. Überall Unkraut. Der absolute Tiefpunkt. Mit meinem Tränenwasser könnte ich jetzt etwas gegen den Klimawandel tun und den sinkenden Meeresspiegel anheben. Ich spreche wahllos einen Passanten mit schiefen Zähnen an. Sofort funkt er seine Kumpels an. Es ist halb2. Zu dritt nehmen wir wieder Fahrt auf. Die Situation: mehr als skurril. Ich am Steuer, daneben meine ratlose Freundin, dann ein Mann mit Cappy, Plastiktüte und einem „Häh“ als Dauerinschrift im Gesicht. Plötzlich ein Anruf: Die erste Werkstatt sagt, wir könnten doch noch vorbeikommen. Ein Wunder. Sie geben mir eine neue Adresse. Wir fahren hin.

Keine Werkstatt in Sicht, aber immerhin ein Büro. Wie in Trance überreiche ich ihr Schlüssel und Fahrzeugbrief. Meine Freundin und ich holen unsere Habseligkeiten aus dem Auto. Fühlt sich an, als ob das Auto Feuer gefangen hätte. Ticktack. 1000 Fragen im Kopf. Was brauche ich in den nächsten sechs Tagen? Handykabel, zwei Hosen, zwei Blusen, Klamotten für die zwei bevorstehenden Vorstellungsgespräche. Eine Regenjacke? Regnet bestimmt nicht. Duschgel? Zu viel Luxus. Ohrringe? Quatsch. Den Ordner mit den wichtigen Papieren? Kein Platz. Dann aurevoir Knudsen. Meine Pflanzen bekommen die letzten Wasserreserven. Das wars.

Die nette Dame vom Empfang versichert uns, dass gleich ein mécanicien, den Wagen zur Werkstatt bringen werde. Wo sich die Werkstatt genau befindet, sagt sie nicht. Mir ist jetzt sowieso alles recht. Ich bin ihnen ausgeliefert.

Meine Freundin und ich stehen mit unseren Taschen vor dem Büro. Neben uns der Passant mit der abstrakten Zahnreihe. Er ist einfach da und leidet wohl auf seine Weise mit uns. Irgendwann verabschieden uns.

Wir suchen einen Park auf und überlegen, ob wir aus Trotz und Resignation nach Deutschland zurücktrampen sollen. Aber die günstigen Bahntickets von Paris nach Straßburg halten uns zurück. Wir taumeln zur Metro und kehren wieder bei meiner Pariser Freundin ein. Ich bin erleichtert. Die Gewitterwolken ziehen vorbei. Ich kann sogar wieder lachen, denn in der Eile habe ich vergessen, die Pippibox zu leeren. Sie ist gut befüllt und was bei einem rasanten Fahrstil in Kombination mit französischen Kreisverkehren oder bei einer impulsiven Auffahrt auf Hebebühnen alles passieren könnte, will ich mir gar nicht vorstellen. Auch die Salzstangen-Krümel auf Armaturenbrett, Sitz und Fußbereich müssen ein recht assiges Bild von mir abgeben. Egal.

Es geht mit dem Zug zurück nach Deutschland. Ein mulmiges Gefühl. Ich habe keine Schlüssel und auch keine Wohnung mehr. Auf einen Schlag obdachlos.

Am Dienstag dann der erlösende Anruf aus der Werkstatt. Ultra turbobeat Herzklopfen. Ist Knudsen noch zu retten oder muss ich ihn in der Seine versenken? Die Geschichte nimmt vermutlich ein Happy End.

Knudsen hat einen Getriebeschaden. Die Reparatur ist aufwendig, kostspielig, aber nicht unmöglich. Für ein paar Minuten ziehe ich einen Versicherungsbetrug in Erwägung, entschließe mich dann doch für den Biss in den sauren Apfel. Knudsen soll weiterleben. Das Abenteuer ist noch nicht vorbei.

Wenn alles gut geht, hole ich ihn am Samstag in Paris ab. Ich freue mich natürlich wahnsinnig auf ihn und noch mehr auf meinen Kleiderschrank. In meinem Wahn habe ich nämlich nur langärmelige Klamotten mitgenommen. Grober Fehler im Hochsommer 🙂

 

PS.: Christina und Asia, wenn ihr das hier lest, dann wirbel ich euch in Gedanken durch die Luft. Ohne euch, hätte ich meine Autoschlüssel wahrscheinlich in einen Gullideckel gepfeffert. Danke, dass ihr für mich da wart.

Meine neue Flamme.

Haut ist ein krasses Organ. Wie eine Tapete, die Geschichten erzählt. Ketchup-Spritzer, Vergilbungen, Kratzer. Das Leben hinterlässt Spuren. Wir müssen sie lesen.

Ich habe Knudsens Haut mit meinen Augen abgetastet. Eine vornehmliche Blässe mit vielen Beulen, Schürfwunden (an denen ich nicht ganz unschuldig bin) und einigen Tattoos. Ranzige Aufkleber, die ich nicht entfernen möchte, weil sie zu Knudsen gehören, wie die Leberflecken-Sternbilder an meinem Hals.

Was aber steckt hinter diesen Bildchen, beziehungsweise, wer? Ich habe recherchiert und bin fündig geworden.

Das Mysterium hat einen Namen: Micha Vogt. Er ist die schnellste Ameise der Welt. Mit seinem Ami-Schlitten, einem verrosteten Chevrolet Bel Air, Baujahr 1955, donnert er über die deutschen Rennstrecken. Die Ameise, das schnellste Tier der Welt, ist sein Maskottchen.

In der Rennszene ist Micha Vogt ein Gott, ein Outlaw mit langen Koteletten und ölverschmierten Feinripp-Hemden. Mit mir reden will er nicht. Meine Mails blieben unbeantwortet, bei Facebook hüllt er sich in Schweigen. Ich bin wahrscheinlich nicht „rough“ genug oder er hat keine Zeit, weil er sich auf die nächsten komplizierten Rennen vorbereiten muss, die aus geradeaus fahren und Gas geben bestehen. Beim „Drag-Racing“ röhren nämlich krass aufgemotzte Kisten auf schnurgerader Strecke um die Wette. Micha Vogts Monster hat 2400 PS. In 7,7 Sekunden von 0 auf 300 Sachen. Knudsen ist fast genauso schnell.

giphy

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum legt sich ein Automechaniker, der auf Ami-Schlitten mit ordentlich Wumms unter der Haube steht, ein Wohnmobil zu, das gerade mal 50PS hat? Ein Rätsel, das meine Phantasie wie einen Turbo-Motor befeuert.

Ich deute dieses Verhalten als Anti-Speed-Therapie. Micha Vogt ist ganz klar süchtig. Süchtig nach vorbeirastenden Landschaften und Reifenabrieb. Asphalt, mehr Asphalt und Drehmomenten, die ihn in den Sitz pressen. Gegen diese Droge haben die Ärzte nur ein Rezept: „Knudsen“, die beste Medizin, um mal wieder die Seele baumeln zu lassen und zu entschleunigen. Doch Micha Vogt will nicht den Spott der Szene auf sich ziehen. Knudsen ist keine „Race Antz“, auch wenn ein Aufkleber auf meiner nicht existierenden Motorhaube eine andere Sprache spricht. Knudsen verliert jedes Ampelrennen. Knudsen ist alles andere als stromlinienförmig. Knudsen ist einfach Knudsen.

 

50 Shades of Grauzonen

Vor ungefähr 24 Stunden habe ich dem ARD-Rechtsexperten Dr. Frank Bräutigam ein Mikrofon unter die Nasenlöcher gehalten. Nur auf der Bühne des SWR-Sommerfestivals, aber immerhin. Ich war so stolz auf mich, dass ich mir sämtliche Wortspiele mit seinem Nachnamen verkniffen habe. Aber ich war auch verunsichert. Neben Frank, sagen wir „Frong“, was im Französischen so viel wie „offen“ und „ehrlich“ heißt, neben dieser Inkarnation von Rechtstroye und Faltenfreiheit habe ich mich schon wieder so verknittert kriminell gefühlt.

Zeit, ein paar Gesetzestexte zu studieren und meinen Status als Nomadin zu klären.

Regieanweisung: Auszug aus „Meine Freunde“, von Die Ärzte:

Ist das nicht irgendwie verboten? Ist das tatsächlich erlaubt? Kann ich das bitte schriftlich haben, weil mir nachher keiner glaubt. Dürfen die das?

Ja, darf ich überhaupt im Auto leben und schlafen? Nickerchen sind erlaubt. Einmaliges Übernachten auch, wenn damit die „Fahrtüchtigkeit“ wiederhergestellt wird. Was das Parken angeht, spricht man in diesem Zusammenhang von „Gemeingebrauch“.

Kompliziert wird es dann, wenn die Sonne wieder aufgeht. In Paragraph 12 der StVO wird Schlafen in der Straßenverkehrsordnung nicht erwähnt. Folglich ist das Schlummern im Auto verkehrsrechtlich kein Problem. Aber nicht zu früh freuen, hinter der nächsten Buchsbaumhecke lauert  das Verwaltungsrecht.

Wer legal im Wohnmobil leben möchte, muss seinen bisherigen Wohnsitz abmelden. Im Ausweis steht dann „Ohne festen Wohnsitz“.

Klingt traurig und erinnert mich an die Bezeichnung von Obdachlosen in Frankreich „sans domicile fixe“, ohne festen Wohnsitz. Auch dieses „ohne“ ist so negativ konnotiert. Warum nicht: „Mit vielen Heimaten“?! Hört sich doch viel netter an und entspricht auch mehr der Wahrheit. Mein Wohnsitz könnte nämlich fester nicht sein. Bett, Couch, Töpfe – jeden Tag gleich. Ein Hoch auf Routine-Wittler. Häh? Egal.

Airbnb in Paris: 12 Tage ohne ihn

Schlüssel mit rundem Kopf für die Wohnungstür, Schlüssel mit schwarzem Gummiüberzug für die Haustür. Mein Airbnb-Gastgeber ahnt nicht, wie sehr ich mich darüber freue, in den nächsten Tagen durch echte Haustüren zu gehen. Auf- und abschließen, zuklacken lassen, Flurradio hören.

Knudsens Reifen stehen still. Ich bin in Paris und ich gönne mir den totalen Luxus: eine 20 Quadratmeterwohnung, im 20. Arrondissement, mit Wasserhähnen und Steckdosen. 20.000 platzende Knallerbsen. Bäm!

Beruflich bin ich in der Stadt. Erst sollte Knudsen mit. Einen Stellplatz hatte ich bereits gefunden und ein Schwimmbad in der Nähe zum Duschen auch, aber ich gehöre einfach nicht zu den Menschen, die in Cafés gut arbeiten können. Ist doch viel interessanter den Barman oder das Fliesenmuster zu studieren. Also Airbnb, ganz konventionell.

Als mein Airbnb-Gastgeber endlich das Weite sucht, lege ich mit Hampelmännern und Handstandversuchen los. Platz, Platz, Platz. Den Kühlschrank nehme ich direkt vom Stromnetz. Er rattert mir zu laut. Danach verteile ich Klopapierrollen in der Wohnung. Super praktisch, aber ja, ich realsiere, dass dieses Wohnmobil-Leben Spuren hinterlassen hat.

Eine andere Verhaltensauffälligkeit: Klamotten ausziehen, Augen schließen und irgendwo hinpfeffern. Ist das genial, mal so richtig schlampig sein zu dürfen. Auch im Geschirrbecken Rock’n’Roll pur. Eine Socke hängt halb im Abfluss. Müslischüssel türmen sich. Jeden Tag, neues Geschirr und neue Töpfe. Zwei habe ich bereits versengt. Der Elektroherd und ich werden keine Freunde mehr.

Noch ein Vorteil: das Bett ist gerade. Ich muss nicht die Wasserwaage bemühen, keine Holzkeile ausrichten oder einen Kissenschlauch unter meinen Schienbeinen verlegen. Es ist gerade. Einfach so.

Gerne hätte ich noch mehr Zeit in Paris verbracht und, wenn ich ehrlich bin, auch in der Wohnung. Aber Baden-Baden is calling und ich will Knudsen die Treue halten – zumindest bis September. Danach werden die Karten neu gemischt.

Züm Schlüss noch eine Sound-Collage vom Gare de l’Est. Da stand auf einmal dieses Klavier. Und dieser Pianist, über 70, hat sich mit 41 das Klavierspielen selbst beigebracht. Tausende Menschen hasten an ihm vorbei. Zwei Soldaten in Tarnkleidung tippen mit ihren Zeigefingern auf dem Abzug herum. Und er spielt und ich bekomme Gänsehaut. Immer noch.

Pantoffel-Heldin

Erster Tag in der Redaktion. Die üblichen Fragen. Wo kommst du her? Wo warst du vorher? Hast du eine Wohnung gefunden? Nein, noch nicht, brauche ich auch nicht. Ich lebe auf dem Parkplatz, gleich hier neben an. Irritation. Funkeln in den Augen. Hallo, Neugier.

Viele meiner Kollegen sind positiv überrascht, wenn ich ihnen von meiner Reifen-Romanze erzähle. Sie fragen mich aus. Ich fühle mich wie ein Erfrischungsgetränk, das in hastigen Zügen herunter geschlungen wird. Ich kann den Wissensdurst nachvollziehen und ich antworte gerne. Es gibt aber auch Kollegen, die nach zwei Fragen in die eingesessene Kuhle ihres Bürostuhls zurücksinken. Ihr Blick – ungläubig, fast angeekelt. Schweigen. Sie mustern mich – als ob ich Läuse auf dem Kopf hätte. Dabei dusche ich jeden Tag – zumindest unter der Woche.

Die Dusche – meine persönliche Transitzone in den Katakomben der unterschiedlichen SWR-Funkhäuser. Ich spüle den Wohnmobil-Muff ab. Mein Abenteuer-am-Rad-Drehen-Leben versinkt für ein paar Stunden im Abfluss. Haare kämmen, Zähne putzen, Klamotten richten – schon bin ich wieder in der Norm. Vorher nicht. Gefühlt auf jeden Fall.

Der Weg zwischen Wohnmobil und Funkhaus ist ein bisschen unangenehm. Ich trage einen Trainingsanzug aus den Zeiten meiner Pariser Banlieue-Kicker-Karriere. Trainingsanzüge sind eine gute Tarnung. Sport ist gesellschaftlich anerkannt. Pyjamas im Büro eher nicht.

In meinen Augen steckt noch Schlaf. Im meinem Gesicht hängt vielleicht noch irgendwo eine Haferflocke und der BH kam auch noch nicht zum Einsatz. Allein das, ein Gefühl von Anarchie und Vogelfreiheit. Obwohl es doch ganz natürlich ist, so ganz ohne. In diesem Out-of-Bed-Zustand laufe ich manchmal Kollegen über den Weg. Sie sehen mich. Ohne Maske. Ohne morgendliche Dressur. Ich fühle mich angreifbar und leicht asozial. Scham statt Smalltalk.

Ich möchte nicht in die Gammler-Schublade gesteckt werden. Ich möchte ernst genommen werden und zu Parteitagen geschickt werden – auch wenn ich Grablichter als Lichtquelle nutze und in einen Obi-Eimer pinkel. Na, und? 40 Stunden in der Woche passe ich mich den Büro-Gesetzen an. Führe eigentlich ein recht spießiges Berufsleben mit geregeltem Einkommen und Urlaubstagen. Und dann ist da mein Knudsen. Ein Haufen Aluminium, Blech und Plastik, in dem sehr viel Liebe steckt.

Konventioneller Arbeitsalltag versus Vagabunden-Märchen – irgendwo zwischen den Polen dieser Welten beginnt es richtig laut zu knistern und ich lausche und freue mich.

Rückblick: Teil 1

Zeit, in den Rückspiegel zu schauen und die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Was hat sich verändert? Was habe ich gelernt? Was ging völlig schief?

Stichwort: Ausparken. Mein Fahrradträger, der hinten an meinem Auto befestigt ist, geht regelmäßig mit Straßenlaternen und Absperrgittern auf Tuchfühlung. Es ist ein Brems-Zu-Spät-Warn-System. Dabei kenne ich die Maße meines Wohnmobils – im Gegensatz zu meinen eigenen – auswendig. Aber jedes Mal, wenn ich ausparke, kurbele ich die Scheibe herrunter und trommele ein paar Assistenten zusammen. Ich sage mir dann: Menschen wollen gebraucht werden. Ich gebe Ihnen diese Chance.

Noch eine Geschichte, die ich bis jetzt verschwiegen habe: Nachdem Ekki mein Dach wieder fit gemacht hatte, bin ich rückwärts aus seinen heiligen Hallen gefahren und prompt mit Knudsens Hintern gegen einen Betonpoller gedätscht. Herzlichen Glückwunsch. Die Lichter haben nichts abbekommen, nur der Lack und eine Schweißnaht sind aufgeplatzt. Ekki hat ganz cool reagiert.  Den ersten Gang eingelegt, den Kopf geschüttelt und Richtung Hebebühne gerollt. Peinlich! Zwei Araber, die sich ebenfalls in der Werkstatt aufhielten, haben mich dann mit Baklava getröstet. Gute Aktion!

Stichwort: Wind. Ich komme aus dem Norden. Ich liebe steife Brisen, wilde Fri(e)sen und Schnaps. Gehört einfach zusammen. Wie Schwimmbad und Fußpilz. Wie Butter und Brezel.Aber seitdem ich ein Wohnmobil besitze, hat sich meine Haltung zu Wind völlig verändert. Auf Autobahnbrücken hocke ich hinter dem Steuer wie vor einem Splatter-Horror-Movie. Jede Muskelfaser ist angespannt. Mein Blick, gefüllt mit Angst und der tiefen Sehnsucht nach Stromlinien. Der Wind haut meinen Gefährten immer wieder aus der Bahn. Die Reifen stehen sehr dicht beieinander. Viel Angriffsfläche für einen relativ hohen Schwerpunkt. Für Außenstehende muss es immer so aussehen, als ob ich einen im Tee habe, dabei versuche ich nur geradeaus zu fahren. Über blablacar nehme ich regelmäßig Leute mit. Mitfahrer, mit etwas runderen Formen, sind mir die allerliebsten. Knudsen liegt viel besser auf der Straße, wenn im Fahrerhäuschen mindestens 250 Kilo Menschenmasse zusammenkommt. Aber das kann ich ja schlecht in die Blablacar-Annonce schreiben: „Bitte nur übergewichtige Mitfahrer“. Nachher könnte noch irgendjemand auf den Gedanken kommen, dass ich einen krassen Fetisch habe. Nein, Danke.

Stichwort: Regen. Wenn Wassertropfen auf mein Dach fallen, wird es musikalisch bei mir, denn ich lebe in einem Klangkörper. Mittlerweile bin ich Profi in Regenarten-Erraten. Schneegriesel hört sich an, als ob junge Katzenbabies mit ihren Pfötchen über das Dach tapsen. Senkrechter Regen wie eine Schreibmaschine. Prasselregen, wie Monsunregen auf Slum-Wellblechdächern zur Regenzeit. Das Element Wasser und ich sind Homies geworden. Teewasser aufgießen mach ich inzwischen blind. Ich höre, wie viel Milliliter Wasser ich gerade einschenke. Eine kleiner soft skill aus der Zeit, in der ich noch dachte, dass mein Auto explodiert, wenn ich Gasheizung und Teelichter gleichzeitig anzünde…

To be continued … Part 2 coming soon.