Pantoffel-Heldin

Erster Tag in der Redaktion. Die üblichen Fragen. Wo kommst du her? Wo warst du vorher? Hast du eine Wohnung gefunden? Nein, noch nicht, brauche ich auch nicht. Ich lebe auf dem Parkplatz, gleich hier neben an. Irritation. Funkeln in den Augen. Hallo, Neugier.

Viele meiner Kollegen sind positiv überrascht, wenn ich ihnen von meiner Reifen-Romanze erzähle. Sie fragen mich aus. Ich fühle mich wie ein Erfrischungsgetränk, das in hastigen Zügen herunter geschlungen wird. Ich kann den Wissensdurst nachvollziehen und ich antworte gerne. Es gibt aber auch Kollegen, die nach zwei Fragen in die eingesessene Kuhle ihres Bürostuhls zurücksinken. Ihr Blick – ungläubig, fast angeekelt. Schweigen. Sie mustern mich – als ob ich Läuse auf dem Kopf hätte. Dabei dusche ich jeden Tag – zumindest unter der Woche.

Die Dusche – meine persönliche Transitzone in den Katakomben der unterschiedlichen SWR-Funkhäuser. Ich spüle den Wohnmobil-Muff ab. Mein Abenteuer-am-Rad-Drehen-Leben versinkt für ein paar Stunden im Abfluss. Haare kämmen, Zähne putzen, Klamotten richten – schon bin ich wieder in der Norm. Vorher nicht. Gefühlt auf jeden Fall.

Der Weg zwischen Wohnmobil und Funkhaus ist ein bisschen unangenehm. Ich trage einen Trainingsanzug aus den Zeiten meiner Pariser Banlieue-Kicker-Karriere. Trainingsanzüge sind eine gute Tarnung. Sport ist gesellschaftlich anerkannt. Pyjamas im Büro eher nicht.

In meinen Augen steckt noch Schlaf. Im meinem Gesicht hängt vielleicht noch irgendwo eine Haferflocke und der BH kam auch noch nicht zum Einsatz. Allein das, ein Gefühl von Anarchie und Vogelfreiheit. Obwohl es doch ganz natürlich ist, so ganz ohne. In diesem Out-of-Bed-Zustand laufe ich manchmal Kollegen über den Weg. Sie sehen mich. Ohne Maske. Ohne morgendliche Dressur. Ich fühle mich angreifbar und leicht asozial. Scham statt Smalltalk.

Ich möchte nicht in die Gammler-Schublade gesteckt werden. Ich möchte ernst genommen werden und zu Parteitagen geschickt werden – auch wenn ich Grablichter als Lichtquelle nutze und in einen Obi-Eimer pinkel. Na, und? 40 Stunden in der Woche passe ich mich den Büro-Gesetzen an. Führe eigentlich ein recht spießiges Berufsleben mit geregeltem Einkommen und Urlaubstagen. Und dann ist da mein Knudsen. Ein Haufen Aluminium, Blech und Plastik, in dem sehr viel Liebe steckt.

Konventioneller Arbeitsalltag versus Vagabunden-Märchen – irgendwo zwischen den Polen dieser Welten beginnt es richtig laut zu knistern und ich lausche und freue mich.

Rückblick: Teil 1

Zeit, in den Rückspiegel zu schauen und die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Was hat sich verändert? Was habe ich gelernt? Was ging völlig schief?

Stichwort: Ausparken. Mein Fahrradträger, der hinten an meinem Auto befestigt ist, geht regelmäßig mit Straßenlaternen und Absperrgittern auf Tuchfühlung. Es ist ein Brems-Zu-Spät-Warn-System. Dabei kenne ich die Maße meines Wohnmobils – im Gegensatz zu meinen eigenen – auswendig. Aber jedes Mal, wenn ich ausparke, kurbele ich die Scheibe herrunter und trommele ein paar Assistenten zusammen. Ich sage mir dann: Menschen wollen gebraucht werden. Ich gebe Ihnen diese Chance.

Noch eine Geschichte, die ich bis jetzt verschwiegen habe: Nachdem Ekki mein Dach wieder fit gemacht hatte, bin ich rückwärts aus seinen heiligen Hallen gefahren und prompt mit Knudsens Hintern gegen einen Betonpoller gedätscht. Herzlichen Glückwunsch. Die Lichter haben nichts abbekommen, nur der Lack und eine Schweißnaht sind aufgeplatzt. Ekki hat ganz cool reagiert.  Den ersten Gang eingelegt, den Kopf geschüttelt und Richtung Hebebühne gerollt. Peinlich! Zwei Araber, die sich ebenfalls in der Werkstatt aufhielten, haben mich dann mit Baklava getröstet. Gute Aktion!

Stichwort: Wind. Ich komme aus dem Norden. Ich liebe steife Brisen, wilde Fri(e)sen und Schnaps. Gehört einfach zusammen. Wie Schwimmbad und Fußpilz. Wie Butter und Brezel.Aber seitdem ich ein Wohnmobil besitze, hat sich meine Haltung zu Wind völlig verändert. Auf Autobahnbrücken hocke ich hinter dem Steuer wie vor einem Splatter-Horror-Movie. Jede Muskelfaser ist angespannt. Mein Blick, gefüllt mit Angst und der tiefen Sehnsucht nach Stromlinien. Der Wind haut meinen Gefährten immer wieder aus der Bahn. Die Reifen stehen sehr dicht beieinander. Viel Angriffsfläche für einen relativ hohen Schwerpunkt. Für Außenstehende muss es immer so aussehen, als ob ich einen im Tee habe, dabei versuche ich nur geradeaus zu fahren. Über blablacar nehme ich regelmäßig Leute mit. Mitfahrer, mit etwas runderen Formen, sind mir die allerliebsten. Knudsen liegt viel besser auf der Straße, wenn im Fahrerhäuschen mindestens 250 Kilo Menschenmasse zusammenkommt. Aber das kann ich ja schlecht in die Blablacar-Annonce schreiben: „Bitte nur übergewichtige Mitfahrer“. Nachher könnte noch irgendjemand auf den Gedanken kommen, dass ich einen krassen Fetisch habe. Nein, Danke.

Stichwort: Regen. Wenn Wassertropfen auf mein Dach fallen, wird es musikalisch bei mir, denn ich lebe in einem Klangkörper. Mittlerweile bin ich Profi in Regenarten-Erraten. Schneegriesel hört sich an, als ob junge Katzenbabies mit ihren Pfötchen über das Dach tapsen. Senkrechter Regen wie eine Schreibmaschine. Prasselregen, wie Monsunregen auf Slum-Wellblechdächern zur Regenzeit. Das Element Wasser und ich sind Homies geworden. Teewasser aufgießen mach ich inzwischen blind. Ich höre, wie viel Milliliter Wasser ich gerade einschenke. Eine kleiner soft skill aus der Zeit, in der ich noch dachte, dass mein Auto explodiert, wenn ich Gasheizung und Teelichter gleichzeitig anzünde…

To be continued … Part 2 coming soon.

 

Götterdämmung: Knudsen leaks

Dritter Akt: der Tiefpunkt. Nach Eisblumen und explosiven Gasanschlüssen habe ich gehofft, dass in den kommenden Wochen das Challenge-Barometer wieder runter fährt. In den Keller, damit ich auf meinem Bohème-Wölkchen weiterschweben kann. Falsch gewickelt. Beim Abziehen meines Bettlakens habe ich ihn entdeckt: den Wasserfleck, an der unteren Kante meiner Schlafkoje. Abwarten und Rooibos-Tee trinken? No way.

„Spreche ich da mit „Ekki“ von „Ekkis Werkstatt“ ? „Freilich.“ „Mein Wohnmobil ist nicht mehr ganz dicht.“ Schmunzeln am anderen Ende der Leitung.

Ekki, der eher wie ein Wilfried aussieht, Trichterfigur, speckiger Rücken, sagt: „Es gibt nur zwei Lösungen. Entweder legst du eine Plane auf dein Dach – beim Fahren etwas unpraktisch, haha – oder ich nehm‘ die Seite auseinander und tu sie neu dämmen.“

Corpus delicti:  ein Alkoven-Fenster, das einen kleinen Biberach an der Riss hat.

Die Feuchtigkeit ist in weite Teile des Holzes eingezogen. Nicht so gut, denn ein Wohnmobil ist wie eine Zwiebel. Außen Aluminiumschicht, innen Holz, Styropor, Holz. Viele Schichten. Die Reparatur dementsprechend teuer.

Während ich also romantisch verblendet, diesen Sounds auf meinem Dach lauschte, hat sich Knudsen hinterrücks in ein Feuchtgebiet verwandelt.

Schneeregen – wie heißes Fett, das aus einer Pfanne hüpft und auf Alupapier landet.

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Regen – wie madarinengroße Tropfen, die auf Dattelpalmenblätter plumpsen.

Aber was bleibt mir Anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen? Ist bestimmt gesund. Und hey, Schimmel hat zwar Personality, würde aber meine jungen Lungen ruinieren. Also Augen zu und durch. Schmeiß die Fuffies unter die Hebebühne. Ekki, zeig mir deine Zauberkünste aus dem Werkzeugkasten.

 

Schwein gehabt.

„Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen wir Ihnen leider nicht helfen.“ Entsetzen in meinen Augen. Alarm-für-Cobra-11-Szenen in meinem Kopf. Mit zwei prall gefüllten Gasflaschen stehe ich am Obi-Infopoint. Mein altes Gas ist aufgebraucht. Meine Stromeltern sind weit weg und mein Mut ist auch dahin. Was mache ich? Strategie Tränendrüse?  Strategie Dauer-Camper aus ihren Plastikstühlen hervorlocken und um Rat bitten oder selbst Hand anlegen? Wenn ich ehrlich bin, am liebsten Strategie 1: den Infopoint unter Tränenwasser setzen und das Mitleid der gesamten Kundschaft auf mich ziehen. Irgendwann wären die Obi-Männchen eingeknickt. Haha. Aber heulen, verdammt, das riecht nach Kindergarten und vollgepinkelten Unterhosen. Nein, ich bin groß und Gasflaschen schüchtern mich überhaupt nicht ein.

Mit meinen Fünf-Liter-Gasflaschen ruckele ich über das Pflaster des Parkplatzes. Hoffentlich kommt hier nicht gleich ein Feuerspucker um die Ecke. Mir ist mulmig zumute. Kurzer Blick über die Autodächer. Weit und breit kein Wohnmobil in Sicht. „Gasflasche anschließen“. Youtube spuckt ein paar Videos aus. Eine blonde Dame mit rosa T-Shirt sieht sympathisch aus. Ich löse die Schutzhülle, schließe den Gasschlauch an die Öffnung. Es riecht nach Gas. Gutes oder schlechtes Zeichen? Verzweiflung. Ich bremse einen schnauzbärtigen Mann in Trainingsanzug aus. „Hilfe“. Er schnappt sich sofort die Zange und fingert am Ventil herum. Ich flehe ihn an: „Bitte helfen Sie mir nur, wenn Sie das schon mal gemacht haben in ihrem Leben.“ Seine Antwort erstickt im Schnorres. Mit der flachen Hand klatscht er auf die Gasflasche. „So, müsste jetzt passen.“ Er zieht davon. Ich traue ihm nicht. Und noch weniger den zwei Flaschen. Ich feuchte Toilettenpapier mit Spüli an und tupfe den Anschluss ab. Keine Bläschen. Gutes Zeichen. Ich drehe die Gasheizung auf. Mit einem Bein stehe ich draußen, falls ich, wie in den Stunts, blitzschnell zurückweichen und mich auf den Boden abrollen muss. Nichts passiert. Es wird einfach nur warm. Ich drehe die Heizung auf, nehme meine Wertsachen mit und schlafwandle durch den angrenzenden Kaufland. In diesem Land fühle ich mich sicher. Zwischen Damenbinden und Wattestäbchen kann mir nichts passieren. Was solls, wenn meine Bude in die Luft geht? Ich lebe. (Wenn die Story hier jemals verfilmt wird, dann wünsche ich mir genau jetzt einen Split Screen.)

Vier Tage später lebe ich immer noch. Die Heizung läuft. Mein Teekessel qualmt. Ich komme zurecht – auch ohne Volt und Watt.

Knudsen und ich machen Ferien auf dem Bauernhof. Bauer Ekkehard ist ein witziger Typ, nur seine Steckdosen will er nicht hergeben. Kein Grund zur Trauer. Es ist einfach eine neue Herausforderung. Level 2. Von Schiggy zu Turtok.

Wenn ich die Augen schließe und meine Nasenflügel weit ausbreite, dann rieche ich jetzt vier Klauen, zwei Hörner und Gülle, Gülle, Gülle. Das Räucherstäbchen mit Kuhmist-Aroma stört mich keineswegs. Ganz im Gegenteil. Es erinnert mich sogar an die Heimat. Für mein Exil-Dasein am Bodensee, Balsam für die Seele.

Ansonsten muss ich mich noch besser als vorher organisieren. Duschen im Keller des Studios. Computer und Handys im Büro aufladen. Wasserflaschen befüllen und abends alles wieder nach Hause schleppen. Nach Feierabend endlos surfen und durch die Welt chatten – ist nicht drin. Meinen Medienkonsum muss ichgenau dosieren. Ein Youtube-Video anschauen oder doch lieber ein Album auf dem PC anhören? Jede Minute zählt. Besonders krass am Wochenende. Meine Handys sind tot. Mein PC hat nur noch 37 Prozent. Licht spendet mir ein solarbetriebenes Lämpchen, das ich via USB-Kabel aufladen kann. Danke, Farina, für dieses nützliche Weihnachtsgeschenk. Solange die Gasheizung läuft, traue ich mich nicht, Kerzen anzuzünden. Wahrscheinlich vollkommen sinnlos die Bedenken, aber so ein Gas hat einfach Power. Erst kürzlich habe ich mir einen Teil meines Ponys weggefeuert. Und das nur mit einem läppischen Gaskocher. Also, wann immer es geht, runter vom Gas.

Kaufmann | Nordpol | Ulrich | Dora | Siegfried | Emil | Nordpol

Ein Schiff ohne Namen bringt Unglück. Ein Wohnmobil ohne Namen, mindestens Mord und Totschlag. Altes Koboldsgesetz. Ich will mein Leben nicht länger aufs Spiel setzen. Meine Schutzengel haben eh schon Burnout. Sie müssen erstmal Überstunden abfeiern. Ein Name muss her.

Lange bin ich davon ausgegangen, dass ich mit einer alten Dame unterwegs bin. Zwei Damen auf dem Asphalt. In der Ferne. Zwischen Brummifahrern und Testosteron getankten Raudis. Das gefiel meinem feministischen Über-Ich. Aber alles Käse. Es ist ein Mann. May I present you:

womoname-final

Knudsen – eine friesische Schönheit mit treuen Augen und japanischen Wurzeln. Auf der Autobahn schaltet er gerne mal einen Gang runter. Hauptsache gemütlich. Mit seinem stupsnäsigen Ersatzrad und der ausgeprägten Überaugenwulst (Alkoven) ist er jetzt nicht gerade der typische Frauenschwarm. Aber er hat Charakter und gesunde Knochen. Erst vor drei Monaten hat er ein nigelnagelneues Hüftgelenk (Zahnriemen) bekommen. Seitdem löst er in Stuttgart immer wieder Party- und Feinstaubalarm aus. Ein Draufgänger mit Blutdruckmessgerät:

Name: Knudsen.

Geburtsjahr: 1986.

Gewicht: 2,3 Tonnen (ohne Schokoladen-Vorräte: 2,1 Tonnen).

Lieblingsdrink: Diesel on the rocks. Manchmal auch LKW Diesel, wenn das Geld am Ende des Monats wieder knapp geworden ist. 11 Liter auf 100 Kilometern.

Bester Freund: Waldi, der Wackeldackel.

Größter Traum: Auf dem Kopfsteinpflaster der Champs-Élysées dahinschweben.

F-A-Q

Immer wenn ich meine Geschichte erzähle, ploppen bei meinem Gegenüber Fragen auf. Sie ähneln sich und ich ertappe mich, wie ich beim Antworten in eine sprachliche Routine verfalle. So als ob ein Pressesprecher in mir wachgeküsst werden würde und die „Wohnmobil“-Platte abspielt. Mit festgezurrter Krawatte und papierweißen Zähnen stellt er sich den Fragen der Journalisten.

Hier die Top 5 der meist gehörten Fragen:

Hast du keine Angst?

So richtig Angst und Bange ist mir im Wohnmobil noch nicht geworden. Klar, es gab Momente, in denen sich mein Herz wie eine getrocknete Pflaume angefühlt hat. Zum Beispiel als in der ersten Nacht ein Ast auf mein Dach gekracht ist oder als ich viele Männerstimmen direkt vor meinem Wohnmobil gehört habe, sie dann abrupt verstummten und schließlich weiterzogen. In meinem Kopf ist ein Film angesprungen. Wo ist mein Pfefferspray? Was könnten Sie wollen? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie meinen Look, Oma-Socken mit Textil-Shabby-Chic, sehen würden? Ich musste schmunzeln – meine Wände sind dünn, aber das Fell ist dick. Und wenn etwas passiert, kann es überall passieren. Warum also in meinem WoMo, das von außen super ranzig ausschaut? Diesen schäbigen Eindruck pflege ich übrigens akribisch. Im Fahrerhäuschen liegen angeschimmelte Joghurtbecher herum. Alles Tarnung, Leute!

Fühlst du dich nicht einsam?

Bei dieser Frage muss ich eine innere Horde „Hähs“ unterdrücken, die wie Kohlensäure an die Oberfläche sprudeln wollen. Warum sollte ich einsam sein? Ich wohne in einer Einzimmerwohnung auf Rädern, mitten in der Zivilisation. Nur wenn ich verreise, suche ich verlassene Orte auf, weil ich den Trampelpfaden aus dem Weg gehen möchte. Das ist gewollte Einsamkeit.

Wie gehst du auf Toilette?

Aus fünf OSB-Platten hat mein Fast-Schwager einen Thron zusammengezimmert. Mit der Stichsäge ein Loch herausgeschnitten, eine gepolsterte Kinderklobrille mit Fischen eingefügt und Spanngurte für einen 10-Liter-Eimer mit Deckel von Obi angebracht.

Nachdem ich auf Toilette war, streue ich einen halben Messbecher Kleintierstreu über mein Werk. Kleine Anekdote: Immer wenn ich Kleintierstreu kaufe, kommen Kindheitserinnerungen hoch, weil ich an mein Kaninchen „Muckibudi“ denken muss, das leider an Skorbut erkrankt und von mir gegangen ist. Rest in peace, kleiner Seehase. Zurück zum Klosett: Alle 10 Tage leere ich meine Pippibox. Dazu eignen sich besonders gut die späteren Abendstunden. Ich schleiche mich mit meinem quietschorangenen Eimer aus dem Wohnmobil und suche ein Waldstück auf.

Hast du Internet?

Um mich ins WLAN meiner Nachbarn einzuhaken, fehlen mir die fachlichen Kompetenzen. Die Namen der WLAN-Verbindungen sprechen schon für sich: „Hexenhaus“, „Ninjas89“, „8Ball“. Eine Sprache, deren Potential sich vielleicht in einem Haiku entfalten könnte. Oder auch nicht. Naja, Internet habe ich auf jeden Fall. Ein Handy-Hotspot macht‘s möglich. Filme streamen, kein Problem.

Was fehlt dir am meisten?

Ein Schreibtisch. Definitiv. Mit der Kälte kann ich mittlerweile umgehen, aber keine anständige, waagerechte Platte zu haben, bringt mich auf die Palme.

Ich muss etwas dagegen tun und den bisherigen „Tisch“ herausschmeißen. Er ist schief und wackelt. Optisch ne Wucht, aber in funktionaler Hinsicht ein leeres Versprechen. Aber wenn ich daran denke, wie viele Schweißtropfen aus den Poren meines Schwagers herausgetreten sind, als er mit der Kettensäge den Baumstamm zerlegt hat, dann kann ich mich nicht davon trennen.

Winterschlaf

Anhand des Aggregatzustands meines Honigs und einem Löffel kann ich die Außentemperatur bestimmen. Löffel hineinstoßen, angespannter Bizeps = null Grad draußen. Geschmeidiges Eintauchen = es wird milder. Flüssige Fäden = der Sommer kommt zurück.

Momentan ist mein Honig steinhart. Hart sind auch die Nächte. Ich muss mir etwas für meine Nasenspitze einfallen lassen. Alles ist eingepackt, sogar der Kopf. Nur die Nase, diese abgefahrene 3D-Konstruktion, guckt raus und macht Probleme. Ich bräuchte eine Clownsnase aus Lammfell und breiten Gummibändern. Wenn ich „Reinhold Messner“ und „Kalte Nasenspitze“ eingebe, ploppen bei Google Images Bilder von erfrorenen Gliedmaßen auf. Och nö. Wie machen das denn die Profis?

Eine Heizdecke könnte des Problems Lösung sein. Aber mit 26? So habe ich mir die Blütephase meines Lebens nicht vorgestellt. Nein, Heizdecke ist ultima ratio. Heizdecke ist Oettinger. Heizdecke ist Dreier-Margarita-Pizza von Tip.

Vielleicht befolge ich den Rat meiner Freundin. Ihre Idee: heißes Wasser in Plastikflaschen füllen und die Buddeln einfach ins Bett legen. Einziger Haken: ich habe kein fließendes Wasser. Meine Quelle plätschert bei der Arbeit oder ein paar Straßen weiter, in einer öffentlichen Toilette. Unpraktisch. Denn schon jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Fingernägel den Bürgersteig berühren, wenn ich vom Wasserholen wiederkomme.

Vielleicht sollte ich mir einen Heizlüfter kaufen. Aber die Dinger haben so einen gefräßigen E-Heißhunger. Da können meine Stromeltern gleich eine Hypothek auf ihr Häuschen aufnehmen. Das möchte ich nicht. Apropos Stromeltern. Gestern habe ich meine Wertsachen bei ihnen abgeholt. Ich hatte sie letzte Woche bei ihnen deponiert, weil ich in Berlin war. Wie in einem Pfandhaus. Wir haben nur kurz geplaudert, als die „Die Frau“ plötzlich etwas hinter ihrem Rücken hervorzauberte. Peter und „Die Frau“ standen da wie stolze Chorknaben. „Erst am 1. Dezember aufmachen“, sagte „Die Frau“ und überreichte mir ein Paket. „Optimal“ prustete es aus Peter heraus. Keine Ahnung, worauf es sich bezog. Fest stand nur, meine Tränendrüsen wollten herunterlaufende Tränen, Taschentücher und wilde Umarmungen. Aber ich habe mich gefangen, bin aus der Haustür marschiert und habe gedacht: Alter Falter, das war gerade der schönste Moment des Tages.

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