Forever abgemeldet

Luft holen, Lippen schließen, pusten, schon fliegt er davon, der Staub von meinem Blog. Sechs Monate war Ruhe im Karton, die digitale Tinte eingetrocknet, meine Finger auf anderen Tastaturen. Und Knudsen? Der arme Kerl ließ immer wieder seine Scheinwerfer auf der Rückwand meines Hinterkopfes aufleuchten. Nicht vergebens, jetzt sind wir zurück und zurück geht’s zurück.

Frühling in Freiburg. Hellgrün, mintgrün, froschgrün, gummistiefelgrün, pastellgrün, meine impressionistische Sicht auf die Welt, von der Couch aus auf der Terrasse. Ich habe Tomaten, Kürbis, Zucchini hochgezogen und ausgesät, Radieschen und Ringelblumen eingepflanzt, 120 Liter Erde mit einem Kinderanhänger durch Freiburg transportieren lassen. Alles wächst und gedeiht. Meine Pflanzen schlagen Wurzeln. Ich tu’s auch.

Zur gleichen Zeit, sechs Kilometer nordwestlich, 50 Meter bergab, in Freiburg: Zwei ausgewachsene Doggen chillen in meinem Camper. Mit ihren Nasen könnten sie das Gas für den Herd andrehen oder mit ihren Zungen die Fensterscheiben abschlecken. Um sie herum, Sabrina und ihr Freund. Ich habe ihnen Knudsen ausgeliehen, damit sie nicht mehr obdachlos sein müssen.

Korn um Korn rieselt durch die Sanduhr.

Ich finde kein neues, altes Getriebe für Knudsen. Ich studiere Bauanleitungen und Mitsubishi-Foren. Manchmal habe ich Hoffnung, manchmal habe ich auch einfach nur Hunger, nach der Arbeit. Keine Lösung in Sicht. Dann ein Klingeln an der Tür. „Anita, ist für Dich.“ Zwei Herren in Polizeiuniform schauen mich eindringlich an. „Sie müssen Ihre Doggen aus dem Fahrzeug holen, das ist zu gefährlich, bei dieser frühsommerlichen Hitze, das geht nicht.“ Doggen? Not in my name! Passanten hätten sich bereits beschwert. Als Halterin des Autos müsse ich haften und mit Tierquälerei sei wirklich nicht so spaßen. Schluck, schluck, nochmal schluck, dann kläre ich auf. Die Polizisten nehmen meine Personalien auf, raten mir, so schnell wie möglich, das Auto umzumelden und verabschieden sich.

Nach einigen Stunden erreiche ich jemanden im Wohnmobil. Alles gut, die Hunde sind wohlauf, Sabrina hat ein schlechtes Gewissen, ich verständige die Polizei, die Kuh ist vom Eis. Aber mir wird klar: Nach den Doggen wird nichts mehr so sein wie vor den Doggen. Knudsen und ich haben keine Zukunft.

Hätte ich ein Grundstück in Freiburg, würde ich aus Knudsen eine Gartenhütte machen, mit Lampions und Geranien auf dem Dach. Aber so? So schaue ich nur minimalpanisch auf den Kalender. Viel Zeit bleibt nicht. Im August läuft Knudsens TÜV ab.

Ein Anruf bei der KFZ-Zulassungsstelle. Danach Knitteroptik auf meiner Stirn. Sich von Knudsen zu trennen wird noch schwerer als gedacht. Obdachlose Personen ohne festen Wohnsitz können kein Auto auf ihren Namen anmelden. Irgendwie logisch. Mit einem sogenannten Empfangsbevollmächtigten könnte es allerdings gehen. Drei Monate vergehen. Sabrina hat Probleme mit der Autoversicherung. Termine platzen. Meine Geduld reißt.

Samstag, neun Uhr vor dem Bürgerbüro.

Sabrina wartet mit ihrem Freund und einem weiteren Bekannten auf mich. Sie haben die Kennzeichen dabei. Alle sind aufgeregt. In der Warteschlange erzählt mir der Bekannte, Achsel-Shirt, verzerrte Tattoos auf dem Arm, ein paar Ringe im Ohr, von seiner vergangenen Nacht. Starkes Nasenbluten hätte er gehabt, aber nix zum Kühlen. Im Kühlschrank wären noch ein paar Salamischeiben gewesen, die hätte er sich dann einfach in die Nase gestopft. Hätte geholfen.

Wir sind dran. Der Bekannte, immer noch nachhaltig beeindruckt von sich und dem heilenden Effekt der Salamischeibe, pfeffert seine EC-Karte und seinen Perso auf den Tisch der Sachbearbeiterin. Diese zuckt zusammen und rümpft die Nase. Oh, oh, ich verspüre keine guten Vibes hier. Versuche also jede Geste der Sachbearbeiterin mit einem Lächeln zu belohnen. Schaue sie beinahe wie eine Heilige an. Es funktioniert. Sabrina hat alle Unterlagen dabei. Noch ein paar Unterschriften, dann ist es vollbracht. Knudsen hat jetzt Migrationshintergrund. #MeTwo. Vom Emsländer zum Freiburger. Dreimal Dankeschön, dann bin ich raus.

Wenige Tage später bekomme ich eine Nachricht. Eine Überraschung würde auf mich im Wohnmobil warten. Noch habe ich sie nicht abgeholt…

 

Ein Sonntagskrimi.

Im Bauch, eine Kugel aus Stahl, quetscht sich wie beim Flippern durch die Röhren. Die Lämpchen blinken, die Sprungfedern zittern. Vielleicht verzocke ich mich.

Zurück-Taste. Drei Wochen in die Vergangenheit.

Knudsen ist ohne Getriebe ein weißer Geist. Ins KFZ-Schlachthaus kann ich ihn nicht bringen, noch nicht. Ich brauche eine andere Lösung. Ich inseriere in der Zeitung: „Def. WoMo, Bj. 86, an guten Zweck zu verschenken.“ Der erste Anruf, um 7h32. Dann zwei Tage lang, Smartphone-Parkinson. Am anderen Ende, nur Bösewichte und Halunken. Aus ihrer Stimme quillt die Gier wie Hüftspeck aus zu engen Jeans. Der letzte Anruf gibt mir Hoffnung. Es ist Sabrina. Sie sagt, dass sie obdachlos sei und Hilfe brauche. Wir treffen uns sechs Stunden später. Um 18h vor dem Freiburger Münster. Es windet so sehr, wir gehen in die Volksbank und lernen uns zwischen plattgetretenen Überweisungspapieren und Geldautomaten kennen. Absurd, dieses Leben.

Wir sind nicht allein. Zwei Hunde sabbern auf meine Schuhe, ein Mann mit Totenkopf-Mütze schaut mich an und da ist noch eine Frau, vielleicht eine Freundin. Ich weiß es nicht. Sabrina erzählt mir, dass sie im Moment in einer Garage übernachte und dass sie mit ihrem Hund nicht ins Obdachlosenheim dürfe. Während sie mit mir spricht, mustere ich ihre Haut. Sie ist rot, die Kälte hat sich eingenistet. Ich will ihr helfen und verspreche ihr mein Wohnmobil.

Die Zeit vor und nach Weihnachten ist für mich ein Strudel. Leider, keiner mit Apfel, sondern mit vielen Stresshormonen. Bei der Arbeit halte ich fünf Zügel auf einmal in den Händen. Jedes Pferd rennt in eine andere Richtung und dann ist da noch ein Bulgare, der jetzt nicht mehr am Wohnmobil, sondern woanders herumschrauben möchte.

17.12.2017 „Hi, wir planen übernächste Woche nach Bad Krotzingen dort gehen wir in der Sauna, beste in der Region! Falls du Lust hast, kann mit kommen.“

20.12.2017 „Hi, ich kennen auch eine super Therme, nicht weit weg. Du hast Lust?“

24.12.2017 „Hi Anita! Wie geht es dir? Freue Weinachten“

Meine Antworten, eine Mischung aus freundlicher Absage und Mikrowellen-Warm-Halte-Taktik, schließlich steht mein Wohnmobil in seinem Hof. Sicher und trocken. Alle Probleme auf Standby.

Die Zeit vergeht und der Ton wird rauer.

27.12.2017 „Was machen wir mit deinem WOMO?“

06.01.2018 „Ich muss jetzt wissen, was wir mit dem WOMO machen, würdest du ihn da lassen oder nimm es zu dir.“

13.01. 2018 „Hi, Woche ist rum, hohl dein WOMO ab, ich brauche Platz.“

Ich muss eindeutig handeln, denn mit einem zurückgewiesenen, bulgarischen Männerherz ist nicht zu scherzen. Das Wohnmobil zur obdachlosen Dame abschleppen, will er nicht. Mir mit einer Abschleppstange aushelfen, auch nicht. Die Totalabsage. Okay, ich schaff das schon. Es ist Samstagnachmittag, ein Januartag. Im Baumarkt sind Abschleppstangen ausverkauft, ich rufe bei Werkstätten an. Die erstbeste, ein Volltreffer. Ich hole die Stange mit einem Carsharing-Auto ab, dann noch 20 Minuten mit der Straßenbahn. Neugierige Blicke, lange Hälse. Dann zu Hause. Jetzt brauche ich ein Auto. Ein starkes, mit ordentlich Wumms. Ich miete einen Transporter bei Carsharing und bete, dass dieses Auto auch eine Anhängerkupplung hat.

Mein Schlaf, eigentlich ganz gut. Dann der große Tag mit der Stahlkugel im Bauch. Sie ist so schwer, ich habe ein bisschen Angst.

Mein Mitbewohner und ich fahren zum Bulgaren. Der Transporter hat eine Anhängerkupplung. Wir schweigen.

Ankunft. Der Bulgare steht im Hof, zusammen mit vier anderen, darunter zwei weißen, bulgarischen Eminenzen. Sein Gesichtsausdruck: Dauer-In-die Zitrone-Biss. Ich widere ihn an. Nur, weil ich nicht mit ihm in die Sauna gehen möchte und ihn mein Wohnmobil ausschlachten lasse. So ist das eben.

Wir parken den Transporter vorm Wohnmobil. Montieren die Abschleppstange und schalten unsere Handys auf Lautsprecher. Die bulgarischen Eminenzen schütteln ihre bulgarischen Köpfen in Slo-Mo. Sie sprechen über mich. Ich will weg.

Ich setze mich in den Transporter, mein Mitbewohner hockt hinter Knudsens Steuer, ohne Motor, ohne Bremsverstärkung. Via Handy sind wir miteinander verbunden. „Sag mir, wenn du bremst, sag es mir früh genug“. Ich lege den ersten Gang ein. Ganz langsam setzt sich die Karawane in Bewegung. Kein Mensch ist illegal, ich schon.

Ich habe die Abschleppaktion bei der Polizei nicht angemeldet. Ich habe keinen 7,5-Tonner-Führerschein, mit dem man solche Wohnmobile abschleppen dürfte. Das Wohnmobil hat keinen Saft mehr, die Warnblinkanlage funktioniert nicht. Wir fahren außerorts mit 25 Stundenkilometern, obwohl 80 Richtwert wäre.

Die Fahrt, endlos. Im Bauch, immer noch die Kugel. Mein Herz, ein Pumpwerk. An jeder Ampel lasse ich mich 200 Meter vorher ausrollen. Jede Kurve, eine Extra-Herausforderung. Und die Passanten mit ihren starren Augen. Mein Mitbewohner redet mir gut zu: „Du machst das phantastisch“. Ich bin benebelt. Scanne jeden Winkel nach Polizeiautos ab. Manchmal ruckelts. Dann geht es bergab. Wir werden schneller. Wenn ich jetzt ruckartig bremsen muss oder mir beim Spurwechsel hinten, also ganz hinten, jemand drauffährt, bin ich schuld, komme ins Gefängnis und werde nie wieder diesen wunderschönen blauen Himmel sehen können.

Der letzte Kilometer. Endstation: Feuerwehr. Hier hat Sabrina einen Stellplatz organisiert. Zwischen Schrebergarten und Kaserne. Wir sind da, wir sind wirklich da. Nur noch eine Straße. Motor aus. Ich stürme zu meinem Mitbewohner, drücke ihn so fest, ich bin so froh; so entspannt auf einmal. Dieser Mensch hat von nun an eine Eigentumswohnung in meinem Herzen! Forever!

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Wir schieben das Wohnmobil auf den Parkplatz. Geschafft! Fertig! An meinem Schlüsselbund baumelt noch das alte Leben. Fünf Minuten später nicht mehr. Jetzt liegts in Sabrinas Händen. Die Hunde und der Mann mit der Totenkopf-Mütze sind auch wieder da. Ich zeige ihnen die neue Wohnung, fühle mich kurz wie eine Immobilienmaklerin. Nehme noch die allerletzten Habseligkeiten heraus und sage dann: Fühlt euch wohl, öffne dabei meinen Küchenschrank und halte ihnen eine Raviolidose unter die Nase. Ich sage noch: Ihr könnt hier erstmal wohnen, bis der Frühling kommt, dann schauen wir weiter.

Drei Tage später, eine Whatsapp-Nachricht von Sabrina: „Hallo, ich wollte erst noch mal herzlich bedanken! Wir können endlich mal wieder seit Monaten richtig schlafen. Und es ist trocken!!! Wir passen  auf deinen Knuts gut auf. Vielen Dank noch mal. Liebe Grüsse.“

Ich muss schmunzeln.

Läuft wie geschmiert. Nicht.

Ich werde nicht auf den Münsterturm klettern und dem Bulgaren-Bruder einen Heiratsantrag machen. Bruder ist kein Zauberer, er kapituliert vor meinem japanischen Schlachtfeld. „Man muss total verkifft sein, wenn man dieses Wohnmobil noch will retten.“, sagt er und nennt Knudsen eine „alte Gurke“, was eher wie „Gurrge“ klingt.

Drei Tage lang hat er alles ausgebaut, mit der Taschenlampe jeden Zentimeter abgeleuchtet, seine Hände danach rot geschrubbt. Die Diagnose: Das Getriebe ist hin, ein einziges Wrack. Das Getriebeöl ist ausgelaufen, Tag für Tag, Woche für Woche. Knudsens Lebenssaft, verteilt in Europa. Und ich, ich Närrin, dachte, es sei Motoröl oder Diesel. Gut, getropft hat es da auch, aber ahnte ich doch nicht, dass die Inkontinenz auch im Getriebe um sich schlagen würde.

Auf dem Weg nach Freiburg seilten sich die die letzten Tropfen über eine kaputte Dichtung auf den Asphalt und hinterließen Dürre und Zerstörung. Die Zahnräder hatten keine Zähne mehr, Kugellager keine Kugeln mehr. Viele Teile wundgescheuert. Das Ende.

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Und was jetzt? Bruder hat recherchiert. Für meinen 2,3-Liter-Mitsubishi-Motor gäbe es keine Ersatzteile mehr. Ihn auf die Liste für eine Getriebe-Organspende zu setzen, sinnlos.

Was für ein schwarzer Tag, der Black Friday, ein anthrazitfarbener Furz dagegen. Ich bin verdammt machtlos.

Bruder sagt, dass ich – sofern ich Knudsen beim Schrottplatz abgebe, noch draufzahlen müsse, könnte 300 Euro kosten + Transport dahin. Eine Annonce in der Zeitung bringe auch nichts. Ja, dann. Er nimmt die Kennzeichen ab. Mein erster Gedanke: Oh Gott, Knudsen sieht aus, als ob er vorne ein Hitlerbärtchen hätte. Schlimm.

Bruder sagt, er kenne ein paar Afrikaner, die das Auto bestimmt nähmen. Unentgeltlich. Auf einmal zieht ein Schwarm Aasgeier an mir vorbei. Mit Heißhunger in Richtung Wohnmobil-Kadaver. Gruuuselig!

Wie war das nochmal mit dem positiven Denken? Ja, es gibt etwas Gutes im Tragischen: Bruder hat mir versprochen, nie wieder Baden.fm zu hören, sondern nur noch SWR4. #aufderrichtigenSeitederMacht.

 

PS.: Ich gebe nicht auf! Fortsetzung folgt!

Raufaser, mon amour.

Seit Mittwoch. Warm. Gemütlich. Stimmen, Türen- und Tastaturen-Geklackere. Ich habe ein Zimmer und ich habe Raufaser-Tapeten. Laminat liegt mir zu Füßen, Rollläden fallen vom Himmel.

Ich liege einfach da, in diesem großen Schuhkarton und starre an die Decke. Vier Meter über mir schreit ein Baby. Auf dem Gehweg, eine Frau mit geflochtenen Zöpfen bis zu den Hüftknochen. Bass wummert durch die Wände. Ein Hauch von Urbanität umweht mich.

Ich habe meinen Anker über Bord geschmissen. Er hat sich in Littenweiler verhakt. Meinem Lieblingsstadtteil in Freiburg. In der Ferne, schneebedeckte Berge. Und diese Tannenzipfel, die mich irgendwie an Omas Spitzendecke erinnern, nur umgekehrt.

Ein paar Möbel sind auch schon eingezogen. Zum Beispiel, ein 100-Jahre alter Küchentisch, auf dem zuletzt ein tätowierter Matze sein Abendbrot zu sich genommen hat. Und ein Schlafsofa, grasgrün, aus der Schweiz. Sehr guet. Jetzt möchte ich mir noch ein Hochbett bauen. Fensterläden will ich auch anbringen. Wozu weiß ich eigentlich auch nicht. Und letzte Nacht hatte ich eine Vision: Bett mit Blumenkästen.

Knudsen ist leergefegt. Nur ein paar Grablichter, Decken und Teebeutel sind noch da. Dann habe ich „Bruder“ angerufen. Er sagt: Mach Sorge kein, dein Auto wieder läuft. Nächste Woche soll Knudsen auf den OP-Tisch. Ich bin gespannt und gelassen zugleich.

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Aus meinem Küchenfenster sehe ich, wie sich ein Combi aus einem Parkplatz quält. Da könnte jetzt mein Knudsen stehen. Familiennachzug für subsidiär geschützte Oldtimer – ja, das wünsche ich mir. Bis dahin fahre ich einfach mit meinen Fingern über die Raufaser-Tapete. Mehr Höhen und Tiefen als man denkt.

Und hier der Soundtrack für das „Durch-Die–Wohnung-Tanzen“. Endlich. Mit 140-Quadratmeter-Luft in den Händen.

Que mala suerte en el amor
ni buena suerte en el juego
y si al final lo que hay que vivir
lo que hay que soñar hay que vivirlo

te vuelvo a dar las gracias
te vuelvo a dar las gracias

So Spitzmüller!

Keine Wiedervereinigung, ohne Grenzen. Ich bin in den letzten Tagen an die meinigen gestoßen. Ein neuer Job, Unterschlupf in fünf unterschiedlichen WGs, mit acht Rollen durch die Stadt, 1001 Fragen seitens der Kollegen.

Dann endlich Nachricht aus der Werkstatt. „Ihr Auto ist eingetroffen. Es wurde in der Nacht geliefert.“ Knudsen in Freiburg – nach einer langen Reise durch die Republik, auf einem Sammeltransport, vereint mit anderen Blechschicksalen. Ich hätte ihm dabei gerne das Lenkrad gestreichelt.

Fußnote: Der ADAC-Abschleppdienst steuert keine Privatadressen an, nur Werkstätten.

Knudsen wieder in Schuss zu bringen, zu teuer. Knudsen bei der freundlichen Werkstatt versauern zu lassen, keine Option. Ihn mit einem Seil oder einer Stange und einem PS-starken Auto selbst abzuschleppen, gute Idee, aber kein Finderglück.

Endstation: Spitzmüller Komma Kurt. Ein älterer Herr, mit kurz rasierten Haaren und schwarzen Fingernägeln. Ich kenne ihn eigentlich nicht. Aber einer meiner Fernseh-Kollegen hat ihn einen Tag lang begleitet. „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Toller Film und so ein harter Job. Respekt.“ Seine Brust, schwellt und schwellt – wie ein Ballon, den man aufpustet. Bevor er platzt, steht der Preis. Für 150 Euro schleppt er mich ab, und das an einem Samstag. Guter Typ.

Am Freitag davor, großes Planen. Für Knudsens letzte Ruhestätte habe ich mir einen besonderen Parkplatz ausgeguckt, zwischen Schrebergärten und etwas Grünem namens Wiese. Samstags flanieren viele Spaziergänger hier umher. Daher occupy Parkplatz. Aber nur wie? Dort zelten wäre echt frisch, außerdem treffe ich Spitzmüller bei der Werkstatt. Ich fahre in den Baumarkt und will mir Absperrband und kleine Pfosten zulegen. „Parkplatz wegen Baumarbeiten bitte freihalten. Gez. Die Stadtverwaltung“ könnte auf dem Schild stehen, das ich noch ausdrucken werde. Aber wirklich sicher ist der Plan auch nicht. Ich brauche ein Auto. Oder eine große Mülltonne? Mir fällt das Portal „Drivy“ ein. Hier vermieten Normalos nicht ihre Biotonnen, sondern ihre Schlitten. Philipp B. verlangt für seinen Citroen nur 30 Euro. Der Deal steht. Ich cruise zum Parkplatz. Der Duftbaum baumelt und ich atme durch.

Der nächste Morgen. Mit Inlinern zur Werkstatt. Von weitem sehe ich Blinklichter. Spitzmüller wartet schon. Bevor es losgeht, werfe ich noch schnell eine Dankes-Karte in den Briefkasten der Werkstatt. Hier bewerbe ich meine schriftstellerischen Tätigkeiten (höhö) und meine Französisch-Kenntnisse. You never know. Vielleicht brauchen sie ja mal meine Hilfe.

Wir schlängeln uns durch die Stadt. Durch die Rückscheibe zwinkere ich Knudsen zu. Alles wird gut. Irgendwie. Ich lasse dich nicht im Stich.

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Im Fahrerhäuschen reden Spitzmüller und ich über Flüchtlinge und den Klimawandel. Ich ertappe mich dabei, wie ich Spitzmüller in eine Schublade gesteckt habe. Wie falsch. Dieser Mensch ist alles andere als einfältig. Er erzählt mir, dass er seine Tochter alleine groß gezogen hat und dass er gerne Rinderragout mit Pilzen, sehr viel Pilzen, isst.

Der Blinker klickert. Wir biegen in meine Straße ein. Der Weg ist eng. Die Spaziergänger bleiben stehen und glotzen. „Sie dürfen hier aber nur drei Tage stehen.“, raunt ein Mann. „Ja, ja, ich fahre dann weg.“ Pff, wenn er wüsste…

Spitzmüller koppelt Knudsen ab. Ich setze mich ins Fahrerhäuschen, drücke die Kupplung. Mit den Energiereserven der letzten zehn Rinderragouts schiebt Spitzmüller Knudsen an. Es ruckelt. Dann schreit er: Haaaandbremse!

Es ist vollbracht. Also fast. Knudsen steht schief. Die rechte Seite ist abschüssig. Nicht gut, aber mehr Schweiß will ich aus Spitzmüllers Poren nicht fließen sehen. Ich bin so erleichtert, dass ich Spitzmüller heftigst in die Arme nehme. Er, irritiert von so viel Nähe, beginnt zu stammeln. „Wenn, wenn Sie, also wenn Sie Probleme haben, melden Sie sich.“

Dann rauscht er davon. Ich betrete mein Zuhause. Alles ist aus den Schränken gefallen. Chili-Pfeffer auf der Unterwäsche, Strumpfhosen umgarnen den Feuerlöscher. Doch für Ordnung ist jetzt keine Zeit. Philipp wartet auf sein Auto. Auf dem Weg, ein Baumarkt. Im Sonderposten-Bereich hole ich mir zwei Bretter, die ich im Self-Bereich zerkleinere. Sägen macht so Spaß. Jetzt verstehe ich alle großen Magier.

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Voll beladen geht’s mit dem Radel zurück zu Knudsen. Ein flüchtiger Blick nach rechts durch die Schrebergartenhecke. Oh, Männer. Viele. Mindestens sieben. Also hin. „Hallo, ich brauche Männer.“ Sie fackeln nicht lange, sondern kommen mit. Fünf an der Zahl, einer mit Gipsarm. Ich verstehe ihre Sprache nicht. Vielleicht Bulgarisch? Dann erkläre ich ihnen, dass mein Auto schief steht und dass ich Bretter zerlegt habe. „Mädschän, lass Motor lauffen.“ Okay, ich folge den Befehlen. „Nischt Getriebe, Kuuplunk, kaputtt. Nicht schlimm.“ Höh? Knudsen, nicht tot, nur quasi im Koma? Ich kann es nicht fassen. „Bruder macht fertisch.“ Welcher Bruder? Egal. Jeder heißt Bruder. In meinem Telefonbuch gibt’s jetzt auch einen. Wenn sich „Bruder“ wirklich meldet, und Knudsen wieder fahren wird, dann steige ich auf den Münsterturm und lasse ein Banner mit der Aufschrift „Bruderherz“ herunterflattern. Versprochen!

The End: Knudsens Himmelfahrt zu den gelben Engeln

Samstagmorgen. Die Autobahn ist leer. In meinem Autoradio liegt eine frisch gebrannte Mandel CD. Alles schwingt. Sogar die Windräder grooven mit. Freiburg, wir kommen!

Plötzlich macht Knudsen einen Satz nach hinten, dann wieder nach vorne. Es riecht verkohlt. Ich fahre auf den nächsten Parkplatz und fülle Öl nach – sogar mit Trichter. Vorher habe ich da eher gefreestlyt.

Die Fahrt geht weiter. Jetzt vibriert das Lenkrad. Ich ziehe den Telefonjoker und rufe meinen Schwager an. Er sagt: Weiterfahren. Die Schilder an der Seite rauschen vorbei. Tschüss Emsland, tschüss Niedersachsen. Ich bin still geworden. Hier stimmt was nicht. Knudsen quietscht, schrill und ungesund. Plötzlich ein lautes Reißen, kratzendes Metall, das Gaspedal wirkungslos. Ich rolle auf den Seitenstreifen. Der Motor springt noch an, Gas geben ist nicht mehr. Adrenalin. Kurzes Atmen. Unter der ADAC-Festnetznummer meldet sich niemand. Endlich komme ich durch. Ein Mann mit einer sehr warmen und hellen Stimme meldet sich. Kurz denke ich darüber nach, ihm ein Hörfunk-Volontariat vorzuschlagen, aber der Moment ist unpassend. „In einer Stunde kommt mein Kollege zu Ihnen, machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Ich schalte den Krisenmodus ein und fühle mich an Paris erinnert. Was brauche ich, was kann im Wohnmobil bleiben? Welche Klamotten sind widerstandsfähig und eignen sich für einen Berufseinstieg? Welche verknittern und verwelken ohne Kleiderbügel? Während der Bauch meiner Reisetasche immer voller wird, donnern die Autos an mir vorbei. Fühlt sich wie ein Erdbeben an.

Durch mein Küchenfenster kündigt sich etwas Gelbes an. Es ist der ADAC-Mann. „Wir müssen uns jetzt beeilen. Zwei meiner Kollegen sind hier schon gestorben. Also bloß schnell weg hier.“ Er hat total die Panik. Ich bin die Ruhe selbst. Verkehrte Welt.

Nachdem Knudsen auf dem Anhänger steht, düsen wir zur ADAC-Werkstatt. Erste Diagnose: das Getriebe ist kaputt. Die Kurbelwelle dreht sich nicht mehr. Auch die Kupplung könnte hin sein.

Was jetzt? Der ADAC-Mann schätzt die Reparaturkosten auf 3.000 bis 4.000 Euro. Lohnt sich eigentlich nicht mehr, sagt er trocken. Aber Knudsen kann doch nicht hier stehen bleiben. Ich gebe alles. Tränenwasser fließt nicht, nur eine flammende Rede aus meinem Mund. Er telefoniert mit seinem Chef und macht ein Daumen-Hoch-Zeichen. Ein Wunder. Knudsen wird in zehn Tagen per Sammeltransport nach Freiburg gebracht. Meine Gegenleistung: Ich muss eine Werkstatt finden, die Knudsen aufnimmt. Genial.

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Für meine Weiterfahrt bekomme ich einen FIAT 500. Mit Klimaanlage und Automatik-Getriebe. Ich hasse das Auto jetzt schon. Der Service ist toll, aber Knudsen ist klinisch tot. Ich bin unendlich traurig. Es ist lange her, dass ich so zu 100% traurig war – ohne andere Einsprengsel wie Wut, Enttäuschung oder Selbstmitleid. Diese Trauer fühlt sich wie die Bleischürze an, die ich vor ein paar Tagen beim Röntgen meiner Weißheitszähne getragen habe. Einfach nur schwer.

Auf der Autobahn überhole ich viele Wohnmobile. Jedes Mal ist es ein Stich ins Herz. Voller Sehnsucht verrenke ich meinen Hals und glotze in die Fahrerhäuschen. Ihr habt es gut, ihr Menschen, euer Wohnmobil fährt noch.

Aber ich darf jetzt auch nicht schwarzsehen. Knudsen hat ein Jahr durchgehalten. Ich bin so dankbar. Vielleicht verewige ich einen kleinen Knudsen auf meiner Haut irgendwo. Vielleicht auch nicht.

Jetzt erstmal in Freiburg ankommen. Ohne Wohnung, aber mit tollen Freunden. In der kommenden Woche werde ich in drei unterschiedlichen WGs schlafen. Auch ein Aufruf in der Facebook-Gruppe „Free your stuff Freiburg“ war überwältigend. Da draußen gibt es wirklich Menschen, die mir ihr Zelt leihen und mich einfach so aufnehmen würden. Wie soll ich da noch traurig sein?

InkedWoMo-Anfragee

 

Incontinent-al unterwegs

Knudsen tropft, ich bin arbeitslos und der Sommer ist vorbei – dann mal PC runterfahren und begraben. Was sich nach emotionaler Apokalypse anhört, ist eigentlich ein wunderbarer Neuanfang.

Ich bin zwei Wochen zuhause. Hier gibt’s Lichtschalter, Heizkörper und doppelseitiges Klebeband. Mein Vater hat extra am Warmwasserboiler herumgefingert. Wenn er könnte, würde er wohl einen Stausee mit heißem Wasser für mich anlegen.

Jeden Tag ist Sonntag. Alle wollen mir Gutes tun, Völlerei statt Verzicht. Meine Mutter schöpft ihr gesamtes Backofenrepertoire aus, eine Schwester schenkt mir eine samtweiche Schlafmaske, die andere kredenzt mir eine wahnsinnig gute Eisschokolade. Ich lasse mich verwöhnen und wippe im Schaukelstuhl zu den Lieblingsschlagern meiner Mutti mit.

Irgendwann breche ich aus, der Pyama ist zu kleinkariert, der Herzschlag zu langsam. Opfer meines Aktionismus, natürlich Knudsen. In einem Affenzahn geht’s zum Stoffladen. Dritter Gang. Veränderung. Vierter Gang. Neue Farben. Fünfter Gang. Funktioniert nicht. Das Resultat: eine pinke Hölle. Keine Ahnung, was mich beim Kauf des pinken Stoffs mit Sonnenblumenmuster geritten hat. Es sieht scheußlich aus. Voll girly, barbie-esk.

Meinen Frust lasse ich an der Tischdecke aus. Abmessen ist nicht mehr, die Nähmaschine soll bluten. Sie quält sich durch die Fetzen.

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Die hässlichste Tischdecke der Welt. Powered by Aggressivität und Frust.

Ich betrete mein Wohnmobil und habe das Gefühl, dass mir eine diabolische Hello-Kitty-Version ins Gesicht springt. Kratsch, zurück zum Stoffladen. Alles nur kein Pink. Am besten gar keine Farbe.

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So sieht Seelenfrieden aus.

Innen jetzt hui, außen aber pfui. Denn: Knudsen ist inkontinent. Auf dem Asphalt hinterlässt er einzigartige Öl-Gemälde, vermischt mit edlen Dieseltropfen.

Der Tank hat im oberen Drittel einen Riss und die Ölwanne ist durchgerostet. Ersatzteile sind äußerst schwer zu bekommen und WoMo-Windel habe ich noch nie gesehen. Der Fachmann sagt: Knudsen ist eigentlich nicht mehr zu retten. Nach Freiburg (neuer Job) komme ich wohl noch, danach kommt das Glück.

Ist Knudsens Blasenschwäche ein Zeichen? Soll ich zurück in eine normale Wohnung? Mit Fußmatte und Dreifachsteckdosen? Meine Gedanken formieren sich gerade zu einem Katzenbuckel. Unter uns: Ich will im WoMo wohnen bleiben. Aber: Ich möchte auch Freunde einladen, ihnen die Möglichkeit geben, sich duschen zu können. Sie sollen sich wohlfühlen. Auch im Winter. Daher werde ich mir wohl eine Bude suchen. Ganz klein, ohne viel Schnickschnack. Und Knudsen? In Freiburg gebe ich eine Annonce auf. „Suche Bastler für Wohnmobil“. Dann meldet sich hoffentlich ein ultra gelangweilter Rentner oder ein junger Spund, egal. Irgendjemand, der gerne schraubt. Knudsen aufgeben will ich nicht. Wir halten zusammen in guten wie in schlechten Zeiten – bis dass der Tod uns scheidet oder der Keilriemen reißt.