Raufaser, mon amour.

Seit Mittwoch. Warm. Gemütlich. Stimmen, Türen- und Tastaturen-Geklackere. Ich habe ein Zimmer und ich habe Raufaser-Tapeten. Laminat liegt mir zu Füßen, Rollläden fallen vom Himmel.

Ich liege einfach da, in diesem großen Schuhkarton und starre an die Decke. Vier Meter über mir schreit ein Baby. Auf dem Gehweg, eine Frau mit geflochtenen Zöpfen bis zu den Hüftknochen. Bass wummert durch die Wände. Ein Hauch von Urbanität umweht mich.

Ich habe meinen Anker über Bord geschmissen. Er hat sich in Littenweiler verhakt. Meinem Lieblingsstadtteil in Freiburg. In der Ferne, schneebedeckte Berge. Und diese Tannenzipfel, die mich irgendwie an Omas Spitzendecke erinnern, nur umgekehrt.

Ein paar Möbel sind auch schon eingezogen. Zum Beispiel, ein 100-Jahre alter Küchentisch, auf dem zuletzt ein tätowierter Matze sein Abendbrot zu sich genommen hat. Und ein Schlafsofa, grasgrün, aus der Schweiz. Sehr guet. Jetzt möchte ich mir noch ein Hochbett bauen. Fensterläden will ich auch anbringen. Wozu weiß ich eigentlich auch nicht. Und letzte Nacht hatte ich eine Vision: Bett mit Blumenkästen.

Knudsen ist leergefegt. Nur ein paar Grablichter, Decken und Teebeutel sind noch da. Dann habe ich „Bruder“ angerufen. Er sagt: Mach Sorge kein, dein Auto wieder läuft. Nächste Woche soll Knudsen auf den OP-Tisch. Ich bin gespannt und gelassen zugleich.

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Aus meinem Küchenfenster sehe ich, wie sich ein Combi aus einem Parkplatz quält. Da könnte jetzt mein Knudsen stehen. Familiennachzug für subsidiär geschützte Oldtimer – ja, das wünsche ich mir. Bis dahin fahre ich einfach mit meinen Fingern über die Raufaser-Tapete. Mehr Höhen und Tiefen als man denkt.

Und hier der Soundtrack für das „Durch-Die–Wohnung-Tanzen“. Endlich. Mit 140-Quadratmeter-Luft in den Händen.

Que mala suerte en el amor
ni buena suerte en el juego
y si al final lo que hay que vivir
lo que hay que soñar hay que vivirlo

te vuelvo a dar las gracias
te vuelvo a dar las gracias

So Spitzmüller!

Keine Wiedervereinigung, ohne Grenzen. Ich bin in den letzten Tagen an die meinigen gestoßen. Ein neuer Job, Unterschlupf in fünf unterschiedlichen WGs, mit acht Rollen durch die Stadt, 1001 Fragen seitens der Kollegen.

Dann endlich Nachricht aus der Werkstatt. „Ihr Auto ist eingetroffen. Es wurde in der Nacht geliefert.“ Knudsen in Freiburg – nach einer langen Reise durch die Republik, auf einem Sammeltransport, vereint mit anderen Blechschicksalen. Ich hätte ihm dabei gerne das Lenkrad gestreichelt.

Fußnote: Der ADAC-Abschleppdienst steuert keine Privatadressen an, nur Werkstätten.

Knudsen wieder in Schuss zu bringen, zu teuer. Knudsen bei der freundlichen Werkstatt versauern zu lassen, keine Option. Ihn mit einem Seil oder einer Stange und einem PS-starken Auto selbst abzuschleppen, gute Idee, aber kein Finderglück.

Endstation: Spitzmüller Komma Kurt. Ein älterer Herr, mit kurz rasierten Haaren und schwarzen Fingernägeln. Ich kenne ihn eigentlich nicht. Aber einer meiner Fernseh-Kollegen hat ihn einen Tag lang begleitet. „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Toller Film und so ein harter Job. Respekt.“ Seine Brust, schwellt und schwellt – wie ein Ballon, den man aufpustet. Bevor er platzt, steht der Preis. Für 150 Euro schleppt er mich ab, und das an einem Samstag. Guter Typ.

Am Freitag davor, großes Planen. Für Knudsens letzte Ruhestätte habe ich mir einen besonderen Parkplatz ausgeguckt, zwischen Schrebergärten und etwas Grünem namens Wiese. Samstags flanieren viele Spaziergänger hier umher. Daher occupy Parkplatz. Aber nur wie? Dort zelten wäre echt frisch, außerdem treffe ich Spitzmüller bei der Werkstatt. Ich fahre in den Baumarkt und will mir Absperrband und kleine Pfosten zulegen. „Parkplatz wegen Baumarbeiten bitte freihalten. Gez. Die Stadtverwaltung“ könnte auf dem Schild stehen, das ich noch ausdrucken werde. Aber wirklich sicher ist der Plan auch nicht. Ich brauche ein Auto. Oder eine große Mülltonne? Mir fällt das Portal „Drivy“ ein. Hier vermieten Normalos nicht ihre Biotonnen, sondern ihre Schlitten. Philipp B. verlangt für seinen Citroen nur 30 Euro. Der Deal steht. Ich cruise zum Parkplatz. Der Duftbaum baumelt und ich atme durch.

Der nächste Morgen. Mit Inlinern zur Werkstatt. Von weitem sehe ich Blinklichter. Spitzmüller wartet schon. Bevor es losgeht, werfe ich noch schnell eine Dankes-Karte in den Briefkasten der Werkstatt. Hier bewerbe ich meine schriftstellerischen Tätigkeiten (höhö) und meine Französisch-Kenntnisse. You never know. Vielleicht brauchen sie ja mal meine Hilfe.

Wir schlängeln uns durch die Stadt. Durch die Rückscheibe zwinkere ich Knudsen zu. Alles wird gut. Irgendwie. Ich lasse dich nicht im Stich.

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Im Fahrerhäuschen reden Spitzmüller und ich über Flüchtlinge und den Klimawandel. Ich ertappe mich dabei, wie ich Spitzmüller in eine Schublade gesteckt habe. Wie falsch. Dieser Mensch ist alles andere als einfältig. Er erzählt mir, dass er seine Tochter alleine groß gezogen hat und dass er gerne Rinderragout mit Pilzen, sehr viel Pilzen, isst.

Der Blinker klickert. Wir biegen in meine Straße ein. Der Weg ist eng. Die Spaziergänger bleiben stehen und glotzen. „Sie dürfen hier aber nur drei Tage stehen.“, raunt ein Mann. „Ja, ja, ich fahre dann weg.“ Pff, wenn er wüsste…

Spitzmüller koppelt Knudsen ab. Ich setze mich ins Fahrerhäuschen, drücke die Kupplung. Mit den Energiereserven der letzten zehn Rinderragouts schiebt Spitzmüller Knudsen an. Es ruckelt. Dann schreit er: Haaaandbremse!

Es ist vollbracht. Also fast. Knudsen steht schief. Die rechte Seite ist abschüssig. Nicht gut, aber mehr Schweiß will ich aus Spitzmüllers Poren nicht fließen sehen. Ich bin so erleichtert, dass ich Spitzmüller heftigst in die Arme nehme. Er, irritiert von so viel Nähe, beginnt zu stammeln. „Wenn, wenn Sie, also wenn Sie Probleme haben, melden Sie sich.“

Dann rauscht er davon. Ich betrete mein Zuhause. Alles ist aus den Schränken gefallen. Chili-Pfeffer auf der Unterwäsche, Strumpfhosen umgarnen den Feuerlöscher. Doch für Ordnung ist jetzt keine Zeit. Philipp wartet auf sein Auto. Auf dem Weg, ein Baumarkt. Im Sonderposten-Bereich hole ich mir zwei Bretter, die ich im Self-Bereich zerkleinere. Sägen macht so Spaß. Jetzt verstehe ich alle großen Magier.

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Voll beladen geht’s mit dem Radel zurück zu Knudsen. Ein flüchtiger Blick nach rechts durch die Schrebergartenhecke. Oh, Männer. Viele. Mindestens sieben. Also hin. „Hallo, ich brauche Männer.“ Sie fackeln nicht lange, sondern kommen mit. Fünf an der Zahl, einer mit Gipsarm. Ich verstehe ihre Sprache nicht. Vielleicht Bulgarisch? Dann erkläre ich ihnen, dass mein Auto schief steht und dass ich Bretter zerlegt habe. „Mädschän, lass Motor lauffen.“ Okay, ich folge den Befehlen. „Nischt Getriebe, Kuuplunk, kaputtt. Nicht schlimm.“ Höh? Knudsen, nicht tot, nur quasi im Koma? Ich kann es nicht fassen. „Bruder macht fertisch.“ Welcher Bruder? Egal. Jeder heißt Bruder. In meinem Telefonbuch gibt’s jetzt auch einen. Wenn sich „Bruder“ wirklich meldet, und Knudsen wieder fahren wird, dann steige ich auf den Münsterturm und lasse ein Banner mit der Aufschrift „Bruderherz“ herunterflattern. Versprochen!

The End: Knudsens Himmelfahrt zu den gelben Engeln

Samstagmorgen. Die Autobahn ist leer. In meinem Autoradio liegt eine frisch gebrannte Mandel CD. Alles schwingt. Sogar die Windräder grooven mit. Freiburg, wir kommen!

Plötzlich macht Knudsen einen Satz nach hinten, dann wieder nach vorne. Es riecht verkohlt. Ich fahre auf den nächsten Parkplatz und fülle Öl nach – sogar mit Trichter. Vorher habe ich da eher gefreestlyt.

Die Fahrt geht weiter. Jetzt vibriert das Lenkrad. Ich ziehe den Telefonjoker und rufe meinen Schwager an. Er sagt: Weiterfahren. Die Schilder an der Seite rauschen vorbei. Tschüss Emsland, tschüss Niedersachsen. Ich bin still geworden. Hier stimmt was nicht. Knudsen quietscht, schrill und ungesund. Plötzlich ein lautes Reißen, kratzendes Metall, das Gaspedal wirkungslos. Ich rolle auf den Seitenstreifen. Der Motor springt noch an, Gas geben ist nicht mehr. Adrenalin. Kurzes Atmen. Unter der ADAC-Festnetznummer meldet sich niemand. Endlich komme ich durch. Ein Mann mit einer sehr warmen und hellen Stimme meldet sich. Kurz denke ich darüber nach, ihm ein Hörfunk-Volontariat vorzuschlagen, aber der Moment ist unpassend. „In einer Stunde kommt mein Kollege zu Ihnen, machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Ich schalte den Krisenmodus ein und fühle mich an Paris erinnert. Was brauche ich, was kann im Wohnmobil bleiben? Welche Klamotten sind widerstandsfähig und eignen sich für einen Berufseinstieg? Welche verknittern und verwelken ohne Kleiderbügel? Während der Bauch meiner Reisetasche immer voller wird, donnern die Autos an mir vorbei. Fühlt sich wie ein Erdbeben an.

Durch mein Küchenfenster kündigt sich etwas Gelbes an. Es ist der ADAC-Mann. „Wir müssen uns jetzt beeilen. Zwei meiner Kollegen sind hier schon gestorben. Also bloß schnell weg hier.“ Er hat total die Panik. Ich bin die Ruhe selbst. Verkehrte Welt.

Nachdem Knudsen auf dem Anhänger steht, düsen wir zur ADAC-Werkstatt. Erste Diagnose: das Getriebe ist kaputt. Die Kurbelwelle dreht sich nicht mehr. Auch die Kupplung könnte hin sein.

Was jetzt? Der ADAC-Mann schätzt die Reparaturkosten auf 3.000 bis 4.000 Euro. Lohnt sich eigentlich nicht mehr, sagt er trocken. Aber Knudsen kann doch nicht hier stehen bleiben. Ich gebe alles. Tränenwasser fließt nicht, nur eine flammende Rede aus meinem Mund. Er telefoniert mit seinem Chef und macht ein Daumen-Hoch-Zeichen. Ein Wunder. Knudsen wird in zehn Tagen per Sammeltransport nach Freiburg gebracht. Meine Gegenleistung: Ich muss eine Werkstatt finden, die Knudsen aufnimmt. Genial.

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Für meine Weiterfahrt bekomme ich einen FIAT 500. Mit Klimaanlage und Automatik-Getriebe. Ich hasse das Auto jetzt schon. Der Service ist toll, aber Knudsen ist klinisch tot. Ich bin unendlich traurig. Es ist lange her, dass ich so zu 100% traurig war – ohne andere Einsprengsel wie Wut, Enttäuschung oder Selbstmitleid. Diese Trauer fühlt sich wie die Bleischürze an, die ich vor ein paar Tagen beim Röntgen meiner Weißheitszähne getragen habe. Einfach nur schwer.

Auf der Autobahn überhole ich viele Wohnmobile. Jedes Mal ist es ein Stich ins Herz. Voller Sehnsucht verrenke ich meinen Hals und glotze in die Fahrerhäuschen. Ihr habt es gut, ihr Menschen, euer Wohnmobil fährt noch.

Aber ich darf jetzt auch nicht schwarzsehen. Knudsen hat ein Jahr durchgehalten. Ich bin so dankbar. Vielleicht verewige ich einen kleinen Knudsen auf meiner Haut irgendwo. Vielleicht auch nicht.

Jetzt erstmal in Freiburg ankommen. Ohne Wohnung, aber mit tollen Freunden. In der kommenden Woche werde ich in drei unterschiedlichen WGs schlafen. Auch ein Aufruf in der Facebook-Gruppe „Free your stuff Freiburg“ war überwältigend. Da draußen gibt es wirklich Menschen, die mir ihr Zelt leihen und mich einfach so aufnehmen würden. Wie soll ich da noch traurig sein?

InkedWoMo-Anfragee

 

Incontinent-al unterwegs

Knudsen tropft, ich bin arbeitslos und der Sommer ist vorbei – dann mal PC runterfahren und begraben. Was sich nach emotionaler Apokalypse anhört, ist eigentlich ein wunderbarer Neuanfang.

Ich bin zwei Wochen zuhause. Hier gibt’s Lichtschalter, Heizkörper und doppelseitiges Klebeband. Mein Vater hat extra am Warmwasserboiler herumgefingert. Wenn er könnte, würde er wohl einen Stausee mit heißem Wasser für mich anlegen.

Jeden Tag ist Sonntag. Alle wollen mir Gutes tun, Völlerei statt Verzicht. Meine Mutter schöpft ihr gesamtes Backofenrepertoire aus, eine Schwester schenkt mir eine samtweiche Schlafmaske, die andere kredenzt mir eine wahnsinnig gute Eisschokolade. Ich lasse mich verwöhnen und wippe im Schaukelstuhl zu den Lieblingsschlagern meiner Mutti mit.

Irgendwann breche ich aus, der Pyama ist zu kleinkariert, der Herzschlag zu langsam. Opfer meines Aktionismus, natürlich Knudsen. In einem Affenzahn geht’s zum Stoffladen. Dritter Gang. Veränderung. Vierter Gang. Neue Farben. Fünfter Gang. Funktioniert nicht. Das Resultat: eine pinke Hölle. Keine Ahnung, was mich beim Kauf des pinken Stoffs mit Sonnenblumenmuster geritten hat. Es sieht scheußlich aus. Voll girly, barbie-esk.

Meinen Frust lasse ich an der Tischdecke aus. Abmessen ist nicht mehr, die Nähmaschine soll bluten. Sie quält sich durch die Fetzen.

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Die hässlichste Tischdecke der Welt. Powered by Aggressivität und Frust.

Ich betrete mein Wohnmobil und habe das Gefühl, dass mir eine diabolische Hello-Kitty-Version ins Gesicht springt. Kratsch, zurück zum Stoffladen. Alles nur kein Pink. Am besten gar keine Farbe.

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So sieht Seelenfrieden aus.

Innen jetzt hui, außen aber pfui. Denn: Knudsen ist inkontinent. Auf dem Asphalt hinterlässt er einzigartige Öl-Gemälde, vermischt mit edlen Dieseltropfen.

Der Tank hat im oberen Drittel einen Riss und die Ölwanne ist durchgerostet. Ersatzteile sind äußerst schwer zu bekommen und WoMo-Windel habe ich noch nie gesehen. Der Fachmann sagt: Knudsen ist eigentlich nicht mehr zu retten. Nach Freiburg (neuer Job) komme ich wohl noch, danach kommt das Glück.

Ist Knudsens Blasenschwäche ein Zeichen? Soll ich zurück in eine normale Wohnung? Mit Fußmatte und Dreifachsteckdosen? Meine Gedanken formieren sich gerade zu einem Katzenbuckel. Unter uns: Ich will im WoMo wohnen bleiben. Aber: Ich möchte auch Freunde einladen, ihnen die Möglichkeit geben, sich duschen zu können. Sie sollen sich wohlfühlen. Auch im Winter. Daher werde ich mir wohl eine Bude suchen. Ganz klein, ohne viel Schnickschnack. Und Knudsen? In Freiburg gebe ich eine Annonce auf. „Suche Bastler für Wohnmobil“. Dann meldet sich hoffentlich ein ultra gelangweilter Rentner oder ein junger Spund, egal. Irgendjemand, der gerne schraubt. Knudsen aufgeben will ich nicht. Wir halten zusammen in guten wie in schlechten Zeiten – bis dass der Tod uns scheidet oder der Keilriemen reißt.

Orange is the new Alarmstufe Rot

Ein Anekdötchen am Rande: Gestern war ich auf einem Konzert. Auf der Rückfahrt von Karlsruhe nach Baden-Baden leuchtete plötzlich meine Tankanzeige auf. Knallorange. Mein Gesicht  – erstrahlt von dieser mir zuvor unbekannten Lichtquelle – spiegelte sich in der Windschutzscheibe. Gut, ich hatte schon ein Weilchen nicht mehr getankt und ich muss zugeben, dass ich eher zu den 15-Euro- statt Volltankerinnen gehöre, aber hey, dass Knudsen zur Dramaqueen mutiert, hätte ich ja nicht ahnen können. Mitten in einem Waldstück, auf dem Weg zum SWR, beginnt der Motor zu stottern, dann rumpelts noch zweimal, dann Total-Stillstand. Es ist 23 Uhr 44. Knudsen steht schräg auf einer Kreuzung, zu schwach, um links abzubiegen. Die Straße ist abschüssig.

Ich fummel an der Handbremse rum und lasse mich an den Seitenrand zurückrollen. Was nu? Ich kann Knudsen nicht nach Hause schieben. Ich könnte mit einem Kanister zur nächsten Tanke laufen. Aber in diesem Wald gibts Wildschweine und keine Straßenlaternen. Ich könnte auch einfach hier übernachten. Ich meine, so schlecht ist der Platz nicht. Es ist zappenduster – was im Gegensatz zum hell erleuchteten SWR-Parkplatz auch einige Vorteile bietet. Bevor mir aber eine vierte Option durch den Kopf schießt, taucht zwischen den Baumstämmen ein Licht auf.

Ein älterer Herr mit vollem Haar und etwa 60 Kilo auf den Rippen hält an. „Können Sie mich bis zur nächsten Tankstelle mitnehmen?“ „Jo.“ Ich flitze zum Wohnmobil und hole Geld, Kanister und Handy aus der Kiste. Dann fahren wir gemeinsam durch den Wald. Er sagt nichts, ich plappere los: Konzert, Akkordeon, Karlsruhe, nicht getankt, haha, orange, huch, rumms, aus, zurückrollen, voll Glück, rausschmeißen hier. Taxi. Zurück.

Wir nähern uns der Tanke. „Isch fahr Sie dann au scho wieder hoch.“ „Wow, Danke, was kann ich Ihnen schenken?“ Stille.

Überforderung in der Tanke. Was bringe ich meinem Retter in der Not mit? Ein Schmuddelheft, ein Paar neue Scheibenwischer oder vielleicht ein Duftbäumchen in Herzform? Was geht nochmal durch den Magen? Achja, Liebe. Also hole ich ihm eine große Tafel Schokolade mit Extra-Nussstücken. Seine Begeisterung hält sich mehr als in Grenzen. Vielleicht hätte ich doch lieber ein Heftchen mitbringen sollen.

Wir fahren wieder zurück. Ich frage ihn, ob mein Auto jetzt kaputt ist. Er sagt: „Da isch scho vielleicht Lufffdt im Tank.“ „Oh Gott, heißt das, dass mein Auto explodieren wird?“. Keine Reaktion.

Im Lichte seiner Scheinwerfer gebe ich dem dehydrierten Knudsen wieder etwas Trinken. Es macht so herrlich Gluckgluck – da muss sogar mein angegrauter Superheld ein bisschen lächeln.

 

Partyhütchen-Zeit!

Erinnerung: Auf den Lamellen der Jalousien liegt ein Flaum aus Fett und Staub. Licht fällt durch einen baguettebreiten Spalt. Verirrte Zigarettenstummel. Papierstapel. Zwei Fliegen ohne Ziel. „Haben Sie es dabei?“ Der Autohändler sieht mir tief in die Augen. Es ist ganz still. Nur die Kohlensäure in unseren Gläsern knistert. […] Ich ziehe einen prall gefüllten Umschlag hervor. Er befeuchtet seine Fingerkuppen und beginnt zu zählen. „100, 500, 1000…“. Die einzelnen Glieder seiner Goldkette vibrieren. Ich würde jetzt gerne seinen Puls messen. Gedankenversunken rede ich mir ein: Alles ist ganz normal, kein Grund meine Stirn in ein Wellenbad zu verwandeln. Irgendwann ist der Briefumschlag leer. Aus einer labbrigen Klarsichtfolie purzeln Autoschlüssel heraus. „Der Wagen gehört jetzt Ihnen.“ Händeschütteln, einsteigen, losfahren. Das ist jetzt genau ein Jahr her.

Heute feiern Knudsen und ich Geburtstag. Ich wünsche mir Konfetti statt Rollsplitt und Sahnetorten statt Vogelscheiße. Wir cruisen in den Pfälzer Wald. Auf dem Asphalt sehe ich viele Fragezeichen. Wie geht es denn jetzt weiter? Wohnung oder WoMo? Wohnung und WoMo? Trennen oder zusammenbleiben?

Ich höre in mich hinein. Schhhuuubuuquuickkbrummmpffftt – heißt übersetzt: Ich bin immer noch in die Einfachheit meines Lebensstils verliebt. Wenn ich den Gasherd anmache und sich die blaue Flamme um die Düse schlingt, hüpfe ich innerlich einmal in die Luft. Wenn ich meine Wäsche aufhänge, lege ich mich hin und zupfe an meinen Klamotten wie an einem Mobile. Wenn ich einen Aussichtspunkt entdecke, halte ich an, entfalte meinen Camping-Stuhl und gucke Wolken an. Manchmal nehme ich junge Leute via blablacar mit. Und auch da, springt der Funke irgendwie über.

Unbenanntttt

Aber, aber, aber. Wenn ich nachts durch die Straßen streune und die beleuchteten Wohnzimmer und gedimmten Kuschelecken sehe, bekomme ich Zweifel. Wie oft bin ich in Gedanken schon zur Polizei marschiert und habe mit – der Kleenex-Box unterm Arm – eine Vermisstenanzeige aufgegeben. „Hallo, ich möchte eine Badewanne und einen Backofen als vermisst melden.“ Ein bisschen mehr Platz zu haben, wäre auch ganz schick. Oder sogar einen eigenen Garten mit Minigolf und Mirabellen. Hallo, Luftschloss.

Das Volontariat endet in drei Wochen. Das Vagabunden-Leben auch. Nach einem kurzen Checkin im renommierten Hotel Mama ziehe ich nach Freiburg. Werde sesshaft. Arbeite Vollzeit. Könnte mir für meine Verhältnisse „große“ Wohnung leisten. Fühlt sich nach Erwachsenwerden an. Scheußlich. Bis Juni 2018 hat Knudsen noch TüV. Noch neun Monate. Können schnell vergehen, können aber auch lang werden. Ich habe noch keine Entscheidung gefällt. Aber wie soll das auch gehen, mit einem Partyhütchen auf dem Kopf?

 

Hier für die Ohren. WoMo-Leben auf SWR3, in der Sendung „Weltweit“, 02. September 2017.

Kaleidoskop-Knudsen: Ein Reisebericht

Paris. Bretagne. Normandie. Paris. Sieben Tage und Nächte zusammen. Schlafen, schnacken, schmatzen, alles auf weniger als fünf Quadratmetern. Wie meine Freundin Christina unseren Wohnmobil-Urlaub in Frankreich erlebte und warum Wasserhähne manchmal glücklich machen, das erfahrt ihr hier:

von Christina Forsbach

„Ja, zum Urlaub schon, aber immer in diesem Wohnmobil wohnen? Das könnte ich mir nicht vorstellen.“ Diesen Kommentar höre ich immer wieder am Rande der „Open Wohnmobil-Party“, die wir in idyllischer Atmosphäre am Canal Saint Martin in Paris veranstalten. Ein Kennenlernen zwischen Knudsen und Anitas Pariser Freunden ist geplant. Gesagt, getan. Wir haben ein Fass Bier, Apfelschnaps aus Norddeutschland, eine selbstgenähte Girlande und Campingstühle, außerdem die Unterstützung freundlicher „éboueurs“, Pariser Straßenarbeiter, die uns ihren Kühlschrank zur Verfügung stellen. Ein Café (besser als Bio-Klo) ist um die Ecke. Wir haben an alles gedacht. Später, als ich beim Zähneputzen das sich im Wasser spiegelnde Mondlicht betrachte, ahne ich, dass dieses Leben im Wohnmobil nicht nur diesen, sondern wohl so manch anderen Organisationsaufwand erfordert.

Am folgenden Tag schlagen wir den Michélin-Plan auf und tippen auf die Normandie. Ich kann kaum warten, aus der Großstadt Paris zu entfliehen. In der Koje über Knudsens ruhendem Motor war ich an der Grenze zur Platzangst gewesen. Auch der Kontrast zwischen unserem „Heim“ am Rande einer vielbefahrenen Straße durch den Bois de Vincennes, wo immer wieder „SDF“ (weniger politisch korrekt auf Deutsch mit „Obdachlose“ zu übersetzen) um unser sicheres Gefährt streichen, und der hell erleuchteten Buchhandlung Gallimard, in der ich einen in Leder eingebundenen Gedichtband erstehe, erschreckt mich. Warum eigentlich? Im Grunde genommen ist hier alles „normal“: wie jede meiner anderen Freundinnen auch, dessen Apartments ich besucht habe, hat mir Anita morgens etwas Müsli zum Frühstück bereit gestellt. Und doch habe ich mich gefreut, mir eine heiße Schokolade im Café Angleterre zu kaufen, Waschräume inklusive.

Knudsen passt eben eher aufs Land. Hier wirkt er glücklicher, wenn der Reifen seiner sanften Gummischnauze die frische Luft spürt. Wenn wir spontan abbiegen, um auf einem Hof am Wegrand bei einem gemütlichen Bauern eine Flasche hausgemachten Cidre zu kaufen. Wenn unser einziges Ziel ein Stellplatz am Meer ist, die Kulisse des Mont Saint Michel am Horizont, und wir zum Geräusch der Wellen einschlafen. Ich beginne, mich an Knudsens organisierte Gemütlichkeit zu gewöhnen. Auf Kontaktlinsen (das Wasser zum Händewaschen ist knapp), eine häufige Handynutzung (kein Strom, im Übrigen sind iPads aber kleine Batteriemarathonläufer) und Schminke verzichte ich, dafür gewinne ich das klare Meer am morgen, in das ich am liebsten nackt springen möchte. Fast mit Schadenfreude beobachte ich die Busse, die eine ganze Ladung Touristen auf den Strand von Arromanches-les-Bains kippen, damit diese in verschiedenen Sprachen den Führungen im Museum der Landung der Alliierten folgen. Bestimmt haben sie schon mehrere Stunden Anfahrt hinter sich, während wir einen Kilometer entfernt auf einer Anhöhe über dem Strand neben einer Infotafel die Nacht verbracht haben (übrigens haben wir erst morgens gemerkt, dass die Betonblöcke, die vor unserer Haustür im Meer lagen, keineswegs Zufall sind, sondern die Überreste des von den Briten entwickelten künstlichen Hafens „Mulberry Harbor“, ein wahrliches Meisterwerk der Militärgeschichte). Mit Ironie begegnen wir auch der Tatsache, dass wir nur zwei Kilometer vom mondänen Seebad Deauville entfernt einen Wohnmobil-Stellplatz finden und abends im Licht des Sonnenuntergangs in das Herz dieser bunten Welt spazieren, auf der Suche nach einer Strandbar und ein bisschen Strom.

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Was ist dieses Gefühl ? Ein gewisser Frohmut und eine Leichtigkeit, die mit dem Befreien von einem solchen Ballast in der Welt rührt: keine Suche nach überfüllten Jugendherbergen, keine langen Nach-Hause-Wege, kein Streben nach finanzieller Sicherheit, damit die Hotelrechnung (und noch so viel mehr) bezahlt werden kann. Kein bizarres Straucheln des Individuums in der Gesellschaft, wie es so eindrucksvoll F. Scott Fitzgerald beschrieben hat, dessen Geschichten ich während des Frühstücks am Strand lese. Stattdessen eine pure Wahrnehmung des Grases unter unseren Füßen, während wir eine Herde Kühe beobachten. Ein Spiel mit den Wind, der immer wieder Knudsens etwas wacklige Seitenspiegel einklappt wie Elefantenohren. Ein Gefühl der Gezeiten, mit denen wir leben. Ein Wundern über die Menschen, die wie Ameisen jeden Knotenpunkt unserer Route bevölkern.

„I was within and without, simultaneously enchanted and repelled by the inexhaustible variety of life.“ (F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby).