Meine neue Flamme.

Haut ist ein krasses Organ. Wie eine Tapete, die Geschichten erzählt. Ketchup-Spritzer, Vergilbungen, Kratzer. Das Leben hinterlässt Spuren. Wir müssen sie lesen.

Ich habe Knudsens Haut mit meinen Augen abgetastet. Eine vornehmliche Blässe mit vielen Beulen, Schürfwunden (an denen ich nicht ganz unschuldig bin) und einigen Tattoos. Ranzige Aufkleber, die ich nicht entfernen möchte, weil sie zu Knudsen gehören, wie die Leberflecken-Sternbilder an meinem Hals.

Was aber steckt hinter diesen Bildchen, beziehungsweise, wer? Ich habe recherchiert und bin fündig geworden.

Das Mysterium hat einen Namen: Micha Vogt. Er ist die schnellste Ameise der Welt. Mit seinem Ami-Schlitten, einem verrosteten Chevrolet Bel Air, Baujahr 1955, donnert er über die deutschen Rennstrecken. Die Ameise, das schnellste Tier der Welt, ist sein Maskottchen.

In der Rennszene ist Micha Vogt ein Gott, ein Outlaw mit langen Koteletten und ölverschmierten Feinripp-Hemden. Mit mir reden will er nicht. Meine Mails blieben unbeantwortet, bei Facebook hüllt er sich in Schweigen. Ich bin wahrscheinlich nicht „rough“ genug oder er hat keine Zeit, weil er sich auf die nächsten komplizierten Rennen vorbereiten muss, die aus geradeaus fahren und Gas geben bestehen. Beim „Drag-Racing“ röhren nämlich krass aufgemotzte Kisten auf schnurgerader Strecke um die Wette. Micha Vogts Monster hat 2400 PS. In 7,7 Sekunden von 0 auf 300 Sachen. Knudsen ist fast genauso schnell.

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Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum legt sich ein Automechaniker, der auf Ami-Schlitten mit ordentlich Wumms unter der Haube steht, ein Wohnmobil zu, das gerade mal 50PS hat? Ein Rätsel, das meine Phantasie wie einen Turbo-Motor befeuert.

Ich deute dieses Verhalten als Anti-Speed-Therapie. Micha Vogt ist ganz klar süchtig. Süchtig nach vorbeirastenden Landschaften und Reifenabrieb. Asphalt, mehr Asphalt und Drehmomenten, die ihn in den Sitz pressen. Gegen diese Droge haben die Ärzte nur ein Rezept: „Knudsen“, die beste Medizin, um mal wieder die Seele baumeln zu lassen und zu entschleunigen. Doch Micha Vogt will nicht den Spott der Szene auf sich ziehen. Knudsen ist keine „Race Antz“, auch wenn ein Aufkleber auf meiner nicht existierenden Motorhaube eine andere Sprache spricht. Knudsen verliert jedes Ampelrennen. Knudsen ist alles andere als stromlinienförmig. Knudsen ist einfach Knudsen.

 

50 Shades of Grauzonen

Vor ungefähr 24 Stunden habe ich dem ARD-Rechtsexperten Dr. Frank Bräutigam ein Mikrofon unter die Nasenlöcher gehalten. Nur auf der Bühne des SWR-Sommerfestivals, aber immerhin. Ich war so stolz auf mich, dass ich mir sämtliche Wortspiele mit seinem Nachnamen verkniffen habe. Aber ich war auch verunsichert. Neben Frank, sagen wir „Frong“, was im Französischen so viel wie „offen“ und „ehrlich“ heißt, neben dieser Inkarnation von Rechtstroye und Faltenfreiheit habe ich mich schon wieder so verknittert kriminell gefühlt.

Zeit, ein paar Gesetzestexte zu studieren und meinen Status als Nomadin zu klären.

Regieanweisung: Auszug aus „Meine Freunde“, von Die Ärzte:

Ist das nicht irgendwie verboten? Ist das tatsächlich erlaubt? Kann ich das bitte schriftlich haben, weil mir nachher keiner glaubt. Dürfen die das?

Ja, darf ich überhaupt im Auto leben und schlafen? Nickerchen sind erlaubt. Einmaliges Übernachten auch, wenn damit die „Fahrtüchtigkeit“ wiederhergestellt wird. Was das Parken angeht, spricht man in diesem Zusammenhang von „Gemeingebrauch“.

Kompliziert wird es dann, wenn die Sonne wieder aufgeht. In Paragraph 12 der StVO wird Schlafen in der Straßenverkehrsordnung nicht erwähnt. Folglich ist das Schlummern im Auto verkehrsrechtlich kein Problem. Aber nicht zu früh freuen, hinter der nächsten Buchsbaumhecke lauert  das Verwaltungsrecht.

Wer legal im Wohnmobil leben möchte, muss seinen bisherigen Wohnsitz abmelden. Im Ausweis steht dann „Ohne festen Wohnsitz“.

Klingt traurig und erinnert mich an die Bezeichnung von Obdachlosen in Frankreich „sans domicile fixe“, ohne festen Wohnsitz. Auch dieses „ohne“ ist so negativ konnotiert. Warum nicht: „Mit vielen Heimaten“?! Hört sich doch viel netter an und entspricht auch mehr der Wahrheit. Mein Wohnsitz könnte nämlich fester nicht sein. Bett, Couch, Töpfe – jeden Tag gleich. Ein Hoch auf Routine-Wittler. Häh? Egal.

Airbnb in Paris: 12 Tage ohne ihn

Schlüssel mit rundem Kopf für die Wohnungstür, Schlüssel mit schwarzem Gummiüberzug für die Haustür. Mein Airbnb-Gastgeber ahnt nicht, wie sehr ich mich darüber freue, in den nächsten Tagen durch echte Haustüren zu gehen. Auf- und abschließen, zuklacken lassen, Flurradio hören.

Knudsens Reifen stehen still. Ich bin in Paris und ich gönne mir den totalen Luxus: eine 20 Quadratmeterwohnung, im 20. Arrondissement, mit Wasserhähnen und Steckdosen. 20.000 platzende Knallerbsen. Bäm!

Beruflich bin ich in der Stadt. Erst sollte Knudsen mit. Einen Stellplatz hatte ich bereits gefunden und ein Schwimmbad in der Nähe zum Duschen auch, aber ich gehöre einfach nicht zu den Menschen, die in Cafés gut arbeiten können. Ist doch viel interessanter den Barman oder das Fliesenmuster zu studieren. Also Airbnb, ganz konventionell.

Als mein Airbnb-Gastgeber endlich das Weite sucht, lege ich mit Hampelmännern und Handstandversuchen los. Platz, Platz, Platz. Den Kühlschrank nehme ich direkt vom Stromnetz. Er rattert mir zu laut. Danach verteile ich Klopapierrollen in der Wohnung. Super praktisch, aber ja, ich realsiere, dass dieses Wohnmobil-Leben Spuren hinterlassen hat.

Eine andere Verhaltensauffälligkeit: Klamotten ausziehen, Augen schließen und irgendwo hinpfeffern. Ist das genial, mal so richtig schlampig sein zu dürfen. Auch im Geschirrbecken Rock’n’Roll pur. Eine Socke hängt halb im Abfluss. Müslischüssel türmen sich. Jeden Tag, neues Geschirr und neue Töpfe. Zwei habe ich bereits versengt. Der Elektroherd und ich werden keine Freunde mehr.

Noch ein Vorteil: das Bett ist gerade. Ich muss nicht die Wasserwaage bemühen, keine Holzkeile ausrichten oder einen Kissenschlauch unter meinen Schienbeinen verlegen. Es ist gerade. Einfach so.

Gerne hätte ich noch mehr Zeit in Paris verbracht und, wenn ich ehrlich bin, auch in der Wohnung. Aber Baden-Baden is calling und ich will Knudsen die Treue halten – zumindest bis September. Danach werden die Karten neu gemischt.

Züm Schlüss noch eine Sound-Collage vom Gare de l’Est. Da stand auf einmal dieses Klavier. Und dieser Pianist, über 70, hat sich mit 41 das Klavierspielen selbst beigebracht. Tausende Menschen hasten an ihm vorbei. Zwei Soldaten in Tarnkleidung tippen mit ihren Zeigefingern auf dem Abzug herum. Und er spielt und ich bekomme Gänsehaut. Immer noch.

Pantoffel-Heldin

Erster Tag in der Redaktion. Die üblichen Fragen. Wo kommst du her? Wo warst du vorher? Hast du eine Wohnung gefunden? Nein, noch nicht, brauche ich auch nicht. Ich lebe auf dem Parkplatz, gleich hier neben an. Irritation. Funkeln in den Augen. Hallo, Neugier.

Viele meiner Kollegen sind positiv überrascht, wenn ich ihnen von meiner Reifen-Romanze erzähle. Sie fragen mich aus. Ich fühle mich wie ein Erfrischungsgetränk, das in hastigen Zügen herunter geschlungen wird. Ich kann den Wissensdurst nachvollziehen und ich antworte gerne. Es gibt aber auch Kollegen, die nach zwei Fragen in die eingesessene Kuhle ihres Bürostuhls zurücksinken. Ihr Blick – ungläubig, fast angeekelt. Schweigen. Sie mustern mich – als ob ich Läuse auf dem Kopf hätte. Dabei dusche ich jeden Tag – zumindest unter der Woche.

Die Dusche – meine persönliche Transitzone in den Katakomben der unterschiedlichen SWR-Funkhäuser. Ich spüle den Wohnmobil-Muff ab. Mein Abenteuer-am-Rad-Drehen-Leben versinkt für ein paar Stunden im Abfluss. Haare kämmen, Zähne putzen, Klamotten richten – schon bin ich wieder in der Norm. Vorher nicht. Gefühlt auf jeden Fall.

Der Weg zwischen Wohnmobil und Funkhaus ist ein bisschen unangenehm. Ich trage einen Trainingsanzug aus den Zeiten meiner Pariser Banlieue-Kicker-Karriere. Trainingsanzüge sind eine gute Tarnung. Sport ist gesellschaftlich anerkannt. Pyjamas im Büro eher nicht.

In meinen Augen steckt noch Schlaf. Im meinem Gesicht hängt vielleicht noch irgendwo eine Haferflocke und der BH kam auch noch nicht zum Einsatz. Allein das, ein Gefühl von Anarchie und Vogelfreiheit. Obwohl es doch ganz natürlich ist, so ganz ohne. In diesem Out-of-Bed-Zustand laufe ich manchmal Kollegen über den Weg. Sie sehen mich. Ohne Maske. Ohne morgendliche Dressur. Ich fühle mich angreifbar und leicht asozial. Scham statt Smalltalk.

Ich möchte nicht in die Gammler-Schublade gesteckt werden. Ich möchte ernst genommen werden und zu Parteitagen geschickt werden – auch wenn ich Grablichter als Lichtquelle nutze und in einen Obi-Eimer pinkel. Na, und? 40 Stunden in der Woche passe ich mich den Büro-Gesetzen an. Führe eigentlich ein recht spießiges Berufsleben mit geregeltem Einkommen und Urlaubstagen. Und dann ist da mein Knudsen. Ein Haufen Aluminium, Blech und Plastik, in dem sehr viel Liebe steckt.

Konventioneller Arbeitsalltag versus Vagabunden-Märchen – irgendwo zwischen den Polen dieser Welten beginnt es richtig laut zu knistern und ich lausche und freue mich.

Rückblick: Teil 1

Zeit, in den Rückspiegel zu schauen und die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Was hat sich verändert? Was habe ich gelernt? Was ging völlig schief?

Stichwort: Ausparken. Mein Fahrradträger, der hinten an meinem Auto befestigt ist, geht regelmäßig mit Straßenlaternen und Absperrgittern auf Tuchfühlung. Es ist ein Brems-Zu-Spät-Warn-System. Dabei kenne ich die Maße meines Wohnmobils – im Gegensatz zu meinen eigenen – auswendig. Aber jedes Mal, wenn ich ausparke, kurbele ich die Scheibe herrunter und trommele ein paar Assistenten zusammen. Ich sage mir dann: Menschen wollen gebraucht werden. Ich gebe Ihnen diese Chance.

Noch eine Geschichte, die ich bis jetzt verschwiegen habe: Nachdem Ekki mein Dach wieder fit gemacht hatte, bin ich rückwärts aus seinen heiligen Hallen gefahren und prompt mit Knudsens Hintern gegen einen Betonpoller gedätscht. Herzlichen Glückwunsch. Die Lichter haben nichts abbekommen, nur der Lack und eine Schweißnaht sind aufgeplatzt. Ekki hat ganz cool reagiert.  Den ersten Gang eingelegt, den Kopf geschüttelt und Richtung Hebebühne gerollt. Peinlich! Zwei Araber, die sich ebenfalls in der Werkstatt aufhielten, haben mich dann mit Baklava getröstet. Gute Aktion!

Stichwort: Wind. Ich komme aus dem Norden. Ich liebe steife Brisen, wilde Fri(e)sen und Schnaps. Gehört einfach zusammen. Wie Schwimmbad und Fußpilz. Wie Butter und Brezel.Aber seitdem ich ein Wohnmobil besitze, hat sich meine Haltung zu Wind völlig verändert. Auf Autobahnbrücken hocke ich hinter dem Steuer wie vor einem Splatter-Horror-Movie. Jede Muskelfaser ist angespannt. Mein Blick, gefüllt mit Angst und der tiefen Sehnsucht nach Stromlinien. Der Wind haut meinen Gefährten immer wieder aus der Bahn. Die Reifen stehen sehr dicht beieinander. Viel Angriffsfläche für einen relativ hohen Schwerpunkt. Für Außenstehende muss es immer so aussehen, als ob ich einen im Tee habe, dabei versuche ich nur geradeaus zu fahren. Über blablacar nehme ich regelmäßig Leute mit. Mitfahrer, mit etwas runderen Formen, sind mir die allerliebsten. Knudsen liegt viel besser auf der Straße, wenn im Fahrerhäuschen mindestens 250 Kilo Menschenmasse zusammenkommt. Aber das kann ich ja schlecht in die Blablacar-Annonce schreiben: „Bitte nur übergewichtige Mitfahrer“. Nachher könnte noch irgendjemand auf den Gedanken kommen, dass ich einen krassen Fetisch habe. Nein, Danke.

Stichwort: Regen. Wenn Wassertropfen auf mein Dach fallen, wird es musikalisch bei mir, denn ich lebe in einem Klangkörper. Mittlerweile bin ich Profi in Regenarten-Erraten. Schneegriesel hört sich an, als ob junge Katzenbabies mit ihren Pfötchen über das Dach tapsen. Senkrechter Regen wie eine Schreibmaschine. Prasselregen, wie Monsunregen auf Slum-Wellblechdächern zur Regenzeit. Das Element Wasser und ich sind Homies geworden. Teewasser aufgießen mach ich inzwischen blind. Ich höre, wie viel Milliliter Wasser ich gerade einschenke. Eine kleiner soft skill aus der Zeit, in der ich noch dachte, dass mein Auto explodiert, wenn ich Gasheizung und Teelichter gleichzeitig anzünde…

To be continued … Part 2 coming soon.

 

Götterdämmung: Knudsen leaks

Dritter Akt: der Tiefpunkt. Nach Eisblumen und explosiven Gasanschlüssen habe ich gehofft, dass in den kommenden Wochen das Challenge-Barometer wieder runter fährt. In den Keller, damit ich auf meinem Bohème-Wölkchen weiterschweben kann. Falsch gewickelt. Beim Abziehen meines Bettlakens habe ich ihn entdeckt: den Wasserfleck, an der unteren Kante meiner Schlafkoje. Abwarten und Rooibos-Tee trinken? No way.

„Spreche ich da mit „Ekki“ von „Ekkis Werkstatt“ ? „Freilich.“ „Mein Wohnmobil ist nicht mehr ganz dicht.“ Schmunzeln am anderen Ende der Leitung.

Ekki, der eher wie ein Wilfried aussieht, Trichterfigur, speckiger Rücken, sagt: „Es gibt nur zwei Lösungen. Entweder legst du eine Plane auf dein Dach – beim Fahren etwas unpraktisch, haha – oder ich nehm‘ die Seite auseinander und tu sie neu dämmen.“

Corpus delicti:  ein Alkoven-Fenster, das einen kleinen Biberach an der Riss hat.

Die Feuchtigkeit ist in weite Teile des Holzes eingezogen. Nicht so gut, denn ein Wohnmobil ist wie eine Zwiebel. Außen Aluminiumschicht, innen Holz, Styropor, Holz. Viele Schichten. Die Reparatur dementsprechend teuer.

Während ich also romantisch verblendet, diesen Sounds auf meinem Dach lauschte, hat sich Knudsen hinterrücks in ein Feuchtgebiet verwandelt.

Schneeregen – wie heißes Fett, das aus einer Pfanne hüpft und auf Alupapier landet.

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Regen – wie madarinengroße Tropfen, die auf Dattelpalmenblätter plumpsen.

Aber was bleibt mir Anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen? Ist bestimmt gesund. Und hey, Schimmel hat zwar Personality, würde aber meine jungen Lungen ruinieren. Also Augen zu und durch. Schmeiß die Fuffies unter die Hebebühne. Ekki, zeig mir deine Zauberkünste aus dem Werkzeugkasten.

 

Schwein gehabt.

„Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen wir Ihnen leider nicht helfen.“ Entsetzen in meinen Augen. Alarm-für-Cobra-11-Szenen in meinem Kopf. Mit zwei prall gefüllten Gasflaschen stehe ich am Obi-Infopoint. Mein altes Gas ist aufgebraucht. Meine Stromeltern sind weit weg und mein Mut ist auch dahin. Was mache ich? Strategie Tränendrüse?  Strategie Dauer-Camper aus ihren Plastikstühlen hervorlocken und um Rat bitten oder selbst Hand anlegen? Wenn ich ehrlich bin, am liebsten Strategie 1: den Infopoint unter Tränenwasser setzen und das Mitleid der gesamten Kundschaft auf mich ziehen. Irgendwann wären die Obi-Männchen eingeknickt. Haha. Aber heulen, verdammt, das riecht nach Kindergarten und vollgepinkelten Unterhosen. Nein, ich bin groß und Gasflaschen schüchtern mich überhaupt nicht ein.

Mit meinen Fünf-Liter-Gasflaschen ruckele ich über das Pflaster des Parkplatzes. Hoffentlich kommt hier nicht gleich ein Feuerspucker um die Ecke. Mir ist mulmig zumute. Kurzer Blick über die Autodächer. Weit und breit kein Wohnmobil in Sicht. „Gasflasche anschließen“. Youtube spuckt ein paar Videos aus. Eine blonde Dame mit rosa T-Shirt sieht sympathisch aus. Ich löse die Schutzhülle, schließe den Gasschlauch an die Öffnung. Es riecht nach Gas. Gutes oder schlechtes Zeichen? Verzweiflung. Ich bremse einen schnauzbärtigen Mann in Trainingsanzug aus. „Hilfe“. Er schnappt sich sofort die Zange und fingert am Ventil herum. Ich flehe ihn an: „Bitte helfen Sie mir nur, wenn Sie das schon mal gemacht haben in ihrem Leben.“ Seine Antwort erstickt im Schnorres. Mit der flachen Hand klatscht er auf die Gasflasche. „So, müsste jetzt passen.“ Er zieht davon. Ich traue ihm nicht. Und noch weniger den zwei Flaschen. Ich feuchte Toilettenpapier mit Spüli an und tupfe den Anschluss ab. Keine Bläschen. Gutes Zeichen. Ich drehe die Gasheizung auf. Mit einem Bein stehe ich draußen, falls ich, wie in den Stunts, blitzschnell zurückweichen und mich auf den Boden abrollen muss. Nichts passiert. Es wird einfach nur warm. Ich drehe die Heizung auf, nehme meine Wertsachen mit und schlafwandle durch den angrenzenden Kaufland. In diesem Land fühle ich mich sicher. Zwischen Damenbinden und Wattestäbchen kann mir nichts passieren. Was solls, wenn meine Bude in die Luft geht? Ich lebe. (Wenn die Story hier jemals verfilmt wird, dann wünsche ich mir genau jetzt einen Split Screen.)

Vier Tage später lebe ich immer noch. Die Heizung läuft. Mein Teekessel qualmt. Ich komme zurecht – auch ohne Volt und Watt.

Knudsen und ich machen Ferien auf dem Bauernhof. Bauer Ekkehard ist ein witziger Typ, nur seine Steckdosen will er nicht hergeben. Kein Grund zur Trauer. Es ist einfach eine neue Herausforderung. Level 2. Von Schiggy zu Turtok.

Wenn ich die Augen schließe und meine Nasenflügel weit ausbreite, dann rieche ich jetzt vier Klauen, zwei Hörner und Gülle, Gülle, Gülle. Das Räucherstäbchen mit Kuhmist-Aroma stört mich keineswegs. Ganz im Gegenteil. Es erinnert mich sogar an die Heimat. Für mein Exil-Dasein am Bodensee, Balsam für die Seele.

Ansonsten muss ich mich noch besser als vorher organisieren. Duschen im Keller des Studios. Computer und Handys im Büro aufladen. Wasserflaschen befüllen und abends alles wieder nach Hause schleppen. Nach Feierabend endlos surfen und durch die Welt chatten – ist nicht drin. Meinen Medienkonsum muss ichgenau dosieren. Ein Youtube-Video anschauen oder doch lieber ein Album auf dem PC anhören? Jede Minute zählt. Besonders krass am Wochenende. Meine Handys sind tot. Mein PC hat nur noch 37 Prozent. Licht spendet mir ein solarbetriebenes Lämpchen, das ich via USB-Kabel aufladen kann. Danke, Farina, für dieses nützliche Weihnachtsgeschenk. Solange die Gasheizung läuft, traue ich mich nicht, Kerzen anzuzünden. Wahrscheinlich vollkommen sinnlos die Bedenken, aber so ein Gas hat einfach Power. Erst kürzlich habe ich mir einen Teil meines Ponys weggefeuert. Und das nur mit einem läppischen Gaskocher. Also, wann immer es geht, runter vom Gas.