Forever abgemeldet

Luft holen, Lippen schließen, pusten, schon fliegt er davon, der Staub von meinem Blog. Sechs Monate war Ruhe im Karton, die digitale Tinte eingetrocknet, meine Finger auf anderen Tastaturen. Und Knudsen? Der arme Kerl ließ immer wieder seine Scheinwerfer auf der Rückwand meines Hinterkopfes aufleuchten. Nicht vergebens, jetzt sind wir zurück und zurück geht’s zurück.

Frühling in Freiburg. Hellgrün, mintgrün, froschgrün, gummistiefelgrün, pastellgrün, meine impressionistische Sicht auf die Welt, von der Couch aus auf der Terrasse. Ich habe Tomaten, Kürbis, Zucchini hochgezogen und ausgesät, Radieschen und Ringelblumen eingepflanzt, 120 Liter Erde mit einem Kinderanhänger durch Freiburg transportieren lassen. Alles wächst und gedeiht. Meine Pflanzen schlagen Wurzeln. Ich tu’s auch.

Zur gleichen Zeit, sechs Kilometer nordwestlich, 50 Meter bergab, in Freiburg: Zwei ausgewachsene Doggen chillen in meinem Camper. Mit ihren Nasen könnten sie das Gas für den Herd andrehen oder mit ihren Zungen die Fensterscheiben abschlecken. Um sie herum, Sabrina und ihr Freund. Ich habe ihnen Knudsen ausgeliehen, damit sie nicht mehr obdachlos sein müssen.

Korn um Korn rieselt durch die Sanduhr.

Ich finde kein neues, altes Getriebe für Knudsen. Ich studiere Bauanleitungen und Mitsubishi-Foren. Manchmal habe ich Hoffnung, manchmal habe ich auch einfach nur Hunger, nach der Arbeit. Keine Lösung in Sicht. Dann ein Klingeln an der Tür. „Anita, ist für Dich.“ Zwei Herren in Polizeiuniform schauen mich eindringlich an. „Sie müssen Ihre Doggen aus dem Fahrzeug holen, das ist zu gefährlich, bei dieser frühsommerlichen Hitze, das geht nicht.“ Doggen? Not in my name! Passanten hätten sich bereits beschwert. Als Halterin des Autos müsse ich haften und mit Tierquälerei sei wirklich nicht so spaßen. Schluck, schluck, nochmal schluck, dann kläre ich auf. Die Polizisten nehmen meine Personalien auf, raten mir, so schnell wie möglich, das Auto umzumelden und verabschieden sich.

Nach einigen Stunden erreiche ich jemanden im Wohnmobil. Alles gut, die Hunde sind wohlauf, Sabrina hat ein schlechtes Gewissen, ich verständige die Polizei, die Kuh ist vom Eis. Aber mir wird klar: Nach den Doggen wird nichts mehr so sein wie vor den Doggen. Knudsen und ich haben keine Zukunft.

Hätte ich ein Grundstück in Freiburg, würde ich aus Knudsen eine Gartenhütte machen, mit Lampions und Geranien auf dem Dach. Aber so? So schaue ich nur minimalpanisch auf den Kalender. Viel Zeit bleibt nicht. Im August läuft Knudsens TÜV ab.

Ein Anruf bei der KFZ-Zulassungsstelle. Danach Knitteroptik auf meiner Stirn. Sich von Knudsen zu trennen wird noch schwerer als gedacht. Obdachlose Personen ohne festen Wohnsitz können kein Auto auf ihren Namen anmelden. Irgendwie logisch. Mit einem sogenannten Empfangsbevollmächtigten könnte es allerdings gehen. Drei Monate vergehen. Sabrina hat Probleme mit der Autoversicherung. Termine platzen. Meine Geduld reißt.

Samstag, neun Uhr vor dem Bürgerbüro.

Sabrina wartet mit ihrem Freund und einem weiteren Bekannten auf mich. Sie haben die Kennzeichen dabei. Alle sind aufgeregt. In der Warteschlange erzählt mir der Bekannte, Achsel-Shirt, verzerrte Tattoos auf dem Arm, ein paar Ringe im Ohr, von seiner vergangenen Nacht. Starkes Nasenbluten hätte er gehabt, aber nix zum Kühlen. Im Kühlschrank wären noch ein paar Salamischeiben gewesen, die hätte er sich dann einfach in die Nase gestopft. Hätte geholfen.

Wir sind dran. Der Bekannte, immer noch nachhaltig beeindruckt von sich und dem heilenden Effekt der Salamischeibe, pfeffert seine EC-Karte und seinen Perso auf den Tisch der Sachbearbeiterin. Diese zuckt zusammen und rümpft die Nase. Oh, oh, ich verspüre keine guten Vibes hier. Versuche also jede Geste der Sachbearbeiterin mit einem Lächeln zu belohnen. Schaue sie beinahe wie eine Heilige an. Es funktioniert. Sabrina hat alle Unterlagen dabei. Noch ein paar Unterschriften, dann ist es vollbracht. Knudsen hat jetzt Migrationshintergrund. #MeTwo. Vom Emsländer zum Freiburger. Dreimal Dankeschön, dann bin ich raus.

Wenige Tage später bekomme ich eine Nachricht. Eine Überraschung würde auf mich im Wohnmobil warten. Noch habe ich sie nicht abgeholt…

 

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