Ein Sonntagskrimi.

Im Bauch, eine Kugel aus Stahl, quetscht sich wie beim Flippern durch die Röhren. Die Lämpchen blinken, die Sprungfedern zittern. Vielleicht verzocke ich mich.

Zurück-Taste. Drei Wochen in die Vergangenheit.

Knudsen ist ohne Getriebe ein weißer Geist. Ins KFZ-Schlachthaus kann ich ihn nicht bringen, noch nicht. Ich brauche eine andere Lösung. Ich inseriere in der Zeitung: „Def. WoMo, Bj. 86, an guten Zweck zu verschenken.“ Der erste Anruf, um 7h32. Dann zwei Tage lang, Smartphone-Parkinson. Am anderen Ende, nur Bösewichte und Halunken. Aus ihrer Stimme quillt die Gier wie Hüftspeck aus zu engen Jeans. Der letzte Anruf gibt mir Hoffnung. Es ist Sabrina. Sie sagt, dass sie obdachlos sei und Hilfe brauche. Wir treffen uns sechs Stunden später. Um 18h vor dem Freiburger Münster. Es windet so sehr, wir gehen in die Volksbank und lernen uns zwischen plattgetretenen Überweisungspapieren und Geldautomaten kennen. Absurd, dieses Leben.

Wir sind nicht allein. Zwei Hunde sabbern auf meine Schuhe, ein Mann mit Totenkopf-Mütze schaut mich an und da ist noch eine Frau, vielleicht eine Freundin. Ich weiß es nicht. Sabrina erzählt mir, dass sie im Moment in einer Garage übernachte und dass sie mit ihrem Hund nicht ins Obdachlosenheim dürfe. Während sie mit mir spricht, mustere ich ihre Haut. Sie ist rot, die Kälte hat sich eingenistet. Ich will ihr helfen und verspreche ihr mein Wohnmobil.

Die Zeit vor und nach Weihnachten ist für mich ein Strudel. Leider, keiner mit Apfel, sondern mit vielen Stresshormonen. Bei der Arbeit halte ich fünf Zügel auf einmal in den Händen. Jedes Pferd rennt in eine andere Richtung und dann ist da noch ein Bulgare, der jetzt nicht mehr am Wohnmobil, sondern woanders herumschrauben möchte.

17.12.2017 „Hi, wir planen übernächste Woche nach Bad Krotzingen dort gehen wir in der Sauna, beste in der Region! Falls du Lust hast, kann mit kommen.“

20.12.2017 „Hi, ich kennen auch eine super Therme, nicht weit weg. Du hast Lust?“

24.12.2017 „Hi Anita! Wie geht es dir? Freue Weinachten“

Meine Antworten, eine Mischung aus freundlicher Absage und Mikrowellen-Warm-Halte-Taktik, schließlich steht mein Wohnmobil in seinem Hof. Sicher und trocken. Alle Probleme auf Standby.

Die Zeit vergeht und der Ton wird rauer.

27.12.2017 „Was machen wir mit deinem WOMO?“

06.01.2018 „Ich muss jetzt wissen, was wir mit dem WOMO machen, würdest du ihn da lassen oder nimm es zu dir.“

13.01. 2018 „Hi, Woche ist rum, hohl dein WOMO ab, ich brauche Platz.“

Ich muss eindeutig handeln, denn mit einem zurückgewiesenen, bulgarischen Männerherz ist nicht zu scherzen. Das Wohnmobil zur obdachlosen Dame abschleppen, will er nicht. Mir mit einer Abschleppstange aushelfen, auch nicht. Die Totalabsage. Okay, ich schaff das schon. Es ist Samstagnachmittag, ein Januartag. Im Baumarkt sind Abschleppstangen ausverkauft, ich rufe bei Werkstätten an. Die erstbeste, ein Volltreffer. Ich hole die Stange mit einem Carsharing-Auto ab, dann noch 20 Minuten mit der Straßenbahn. Neugierige Blicke, lange Hälse. Dann zu Hause. Jetzt brauche ich ein Auto. Ein starkes, mit ordentlich Wumms. Ich miete einen Transporter bei Carsharing und bete, dass dieses Auto auch eine Anhängerkupplung hat.

Mein Schlaf, eigentlich ganz gut. Dann der große Tag mit der Stahlkugel im Bauch. Sie ist so schwer, ich habe ein bisschen Angst.

Mein Mitbewohner und ich fahren zum Bulgaren. Der Transporter hat eine Anhängerkupplung. Wir schweigen.

Ankunft. Der Bulgare steht im Hof, zusammen mit vier anderen, darunter zwei weißen, bulgarischen Eminenzen. Sein Gesichtsausdruck: Dauer-In-die Zitrone-Biss. Ich widere ihn an. Nur, weil ich nicht mit ihm in die Sauna gehen möchte und ihn mein Wohnmobil ausschlachten lasse. So ist das eben.

Wir parken den Transporter vorm Wohnmobil. Montieren die Abschleppstange und schalten unsere Handys auf Lautsprecher. Die bulgarischen Eminenzen schütteln ihre bulgarischen Köpfen in Slo-Mo. Sie sprechen über mich. Ich will weg.

Ich setze mich in den Transporter, mein Mitbewohner hockt hinter Knudsens Steuer, ohne Motor, ohne Bremsverstärkung. Via Handy sind wir miteinander verbunden. „Sag mir, wenn du bremst, sag es mir früh genug“. Ich lege den ersten Gang ein. Ganz langsam setzt sich die Karawane in Bewegung. Kein Mensch ist illegal, ich schon.

Ich habe die Abschleppaktion bei der Polizei nicht angemeldet. Ich habe keinen 7,5-Tonner-Führerschein, mit dem man solche Wohnmobile abschleppen dürfte. Das Wohnmobil hat keinen Saft mehr, die Warnblinkanlage funktioniert nicht. Wir fahren außerorts mit 25 Stundenkilometern, obwohl 80 Richtwert wäre.

Die Fahrt, endlos. Im Bauch, immer noch die Kugel. Mein Herz, ein Pumpwerk. An jeder Ampel lasse ich mich 200 Meter vorher ausrollen. Jede Kurve, eine Extra-Herausforderung. Und die Passanten mit ihren starren Augen. Mein Mitbewohner redet mir gut zu: „Du machst das phantastisch“. Ich bin benebelt. Scanne jeden Winkel nach Polizeiautos ab. Manchmal ruckelts. Dann geht es bergab. Wir werden schneller. Wenn ich jetzt ruckartig bremsen muss oder mir beim Spurwechsel hinten, also ganz hinten, jemand drauffährt, bin ich schuld, komme ins Gefängnis und werde nie wieder diesen wunderschönen blauen Himmel sehen können.

Der letzte Kilometer. Endstation: Feuerwehr. Hier hat Sabrina einen Stellplatz organisiert. Zwischen Schrebergarten und Kaserne. Wir sind da, wir sind wirklich da. Nur noch eine Straße. Motor aus. Ich stürme zu meinem Mitbewohner, drücke ihn so fest, ich bin so froh; so entspannt auf einmal. Dieser Mensch hat von nun an eine Eigentumswohnung in meinem Herzen! Forever!

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Wir schieben das Wohnmobil auf den Parkplatz. Geschafft! Fertig! An meinem Schlüsselbund baumelt noch das alte Leben. Fünf Minuten später nicht mehr. Jetzt liegts in Sabrinas Händen. Die Hunde und der Mann mit der Totenkopf-Mütze sind auch wieder da. Ich zeige ihnen die neue Wohnung, fühle mich kurz wie eine Immobilienmaklerin. Nehme noch die allerletzten Habseligkeiten heraus und sage dann: Fühlt euch wohl, öffne dabei meinen Küchenschrank und halte ihnen eine Raviolidose unter die Nase. Ich sage noch: Ihr könnt hier erstmal wohnen, bis der Frühling kommt, dann schauen wir weiter.

Drei Tage später, eine Whatsapp-Nachricht von Sabrina: „Hallo, ich wollte erst noch mal herzlich bedanken! Wir können endlich mal wieder seit Monaten richtig schlafen. Und es ist trocken!!! Wir passen  auf deinen Knuts gut auf. Vielen Dank noch mal. Liebe Grüsse.“

Ich muss schmunzeln.

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