The End: Knudsens Himmelfahrt zu den gelben Engeln

Samstagmorgen. Die Autobahn ist leer. In meinem Autoradio liegt eine frisch gebrannte Mandel CD. Alles schwingt. Sogar die Windräder grooven mit. Freiburg, wir kommen!

Plötzlich macht Knudsen einen Satz nach hinten, dann wieder nach vorne. Es riecht verkohlt. Ich fahre auf den nächsten Parkplatz und fülle Öl nach – sogar mit Trichter. Vorher habe ich da eher gefreestlyt.

Die Fahrt geht weiter. Jetzt vibriert das Lenkrad. Ich ziehe den Telefonjoker und rufe meinen Schwager an. Er sagt: Weiterfahren. Die Schilder an der Seite rauschen vorbei. Tschüss Emsland, tschüss Niedersachsen. Ich bin still geworden. Hier stimmt was nicht. Knudsen quietscht, schrill und ungesund. Plötzlich ein lautes Reißen, kratzendes Metall, das Gaspedal wirkungslos. Ich rolle auf den Seitenstreifen. Der Motor springt noch an, Gas geben ist nicht mehr. Adrenalin. Kurzes Atmen. Unter der ADAC-Festnetznummer meldet sich niemand. Endlich komme ich durch. Ein Mann mit einer sehr warmen und hellen Stimme meldet sich. Kurz denke ich darüber nach, ihm ein Hörfunk-Volontariat vorzuschlagen, aber der Moment ist unpassend. „In einer Stunde kommt mein Kollege zu Ihnen, machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Ich schalte den Krisenmodus ein und fühle mich an Paris erinnert. Was brauche ich, was kann im Wohnmobil bleiben? Welche Klamotten sind widerstandsfähig und eignen sich für einen Berufseinstieg? Welche verknittern und verwelken ohne Kleiderbügel? Während der Bauch meiner Reisetasche immer voller wird, donnern die Autos an mir vorbei. Fühlt sich wie ein Erdbeben an.

Durch mein Küchenfenster kündigt sich etwas Gelbes an. Es ist der ADAC-Mann. „Wir müssen uns jetzt beeilen. Zwei meiner Kollegen sind hier schon gestorben. Also bloß schnell weg hier.“ Er hat total die Panik. Ich bin die Ruhe selbst. Verkehrte Welt.

Nachdem Knudsen auf dem Anhänger steht, düsen wir zur ADAC-Werkstatt. Erste Diagnose: das Getriebe ist kaputt. Die Kurbelwelle dreht sich nicht mehr. Auch die Kupplung könnte hin sein.

Was jetzt? Der ADAC-Mann schätzt die Reparaturkosten auf 3.000 bis 4.000 Euro. Lohnt sich eigentlich nicht mehr, sagt er trocken. Aber Knudsen kann doch nicht hier stehen bleiben. Ich gebe alles. Tränenwasser fließt nicht, nur eine flammende Rede aus meinem Mund. Er telefoniert mit seinem Chef und macht ein Daumen-Hoch-Zeichen. Ein Wunder. Knudsen wird in zehn Tagen per Sammeltransport nach Freiburg gebracht. Meine Gegenleistung: Ich muss eine Werkstatt finden, die Knudsen aufnimmt. Genial.

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Für meine Weiterfahrt bekomme ich einen FIAT 500. Mit Klimaanlage und Automatik-Getriebe. Ich hasse das Auto jetzt schon. Der Service ist toll, aber Knudsen ist klinisch tot. Ich bin unendlich traurig. Es ist lange her, dass ich so zu 100% traurig war – ohne andere Einsprengsel wie Wut, Enttäuschung oder Selbstmitleid. Diese Trauer fühlt sich wie die Bleischürze an, die ich vor ein paar Tagen beim Röntgen meiner Weißheitszähne getragen habe. Einfach nur schwer.

Auf der Autobahn überhole ich viele Wohnmobile. Jedes Mal ist es ein Stich ins Herz. Voller Sehnsucht verrenke ich meinen Hals und glotze in die Fahrerhäuschen. Ihr habt es gut, ihr Menschen, euer Wohnmobil fährt noch.

Aber ich darf jetzt auch nicht schwarzsehen. Knudsen hat ein Jahr durchgehalten. Ich bin so dankbar. Vielleicht verewige ich einen kleinen Knudsen auf meiner Haut irgendwo. Vielleicht auch nicht.

Jetzt erstmal in Freiburg ankommen. Ohne Wohnung, aber mit tollen Freunden. In der kommenden Woche werde ich in drei unterschiedlichen WGs schlafen. Auch ein Aufruf in der Facebook-Gruppe „Free your stuff Freiburg“ war überwältigend. Da draußen gibt es wirklich Menschen, die mir ihr Zelt leihen und mich einfach so aufnehmen würden. Wie soll ich da noch traurig sein?

InkedWoMo-Anfragee

 

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