So Spitzmüller!

Keine Wiedervereinigung, ohne Grenzen. Ich bin in den letzten Tagen an die meinigen gestoßen. Ein neuer Job, Unterschlupf in fünf unterschiedlichen WGs, mit acht Rollen durch die Stadt, 1001 Fragen seitens der Kollegen.

Dann endlich Nachricht aus der Werkstatt. „Ihr Auto ist eingetroffen. Es wurde in der Nacht geliefert.“ Knudsen in Freiburg – nach einer langen Reise durch die Republik, auf einem Sammeltransport, vereint mit anderen Blechschicksalen. Ich hätte ihm dabei gerne das Lenkrad gestreichelt.

Fußnote: Der ADAC-Abschleppdienst steuert keine Privatadressen an, nur Werkstätten.

Knudsen wieder in Schuss zu bringen, zu teuer. Knudsen bei der freundlichen Werkstatt versauern zu lassen, keine Option. Ihn mit einem Seil oder einer Stange und einem PS-starken Auto selbst abzuschleppen, gute Idee, aber kein Finderglück.

Endstation: Spitzmüller Komma Kurt. Ein älterer Herr, mit kurz rasierten Haaren und schwarzen Fingernägeln. Ich kenne ihn eigentlich nicht. Aber einer meiner Fernseh-Kollegen hat ihn einen Tag lang begleitet. „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Toller Film und so ein harter Job. Respekt.“ Seine Brust, schwellt und schwellt – wie ein Ballon, den man aufpustet. Bevor er platzt, steht der Preis. Für 150 Euro schleppt er mich ab, und das an einem Samstag. Guter Typ.

Am Freitag davor, großes Planen. Für Knudsens letzte Ruhestätte habe ich mir einen besonderen Parkplatz ausgeguckt, zwischen Schrebergärten und etwas Grünem namens Wiese. Samstags flanieren viele Spaziergänger hier umher. Daher occupy Parkplatz. Aber nur wie? Dort zelten wäre echt frisch, außerdem treffe ich Spitzmüller bei der Werkstatt. Ich fahre in den Baumarkt und will mir Absperrband und kleine Pfosten zulegen. „Parkplatz wegen Baumarbeiten bitte freihalten. Gez. Die Stadtverwaltung“ könnte auf dem Schild stehen, das ich noch ausdrucken werde. Aber wirklich sicher ist der Plan auch nicht. Ich brauche ein Auto. Oder eine große Mülltonne? Mir fällt das Portal „Drivy“ ein. Hier vermieten Normalos nicht ihre Biotonnen, sondern ihre Schlitten. Philipp B. verlangt für seinen Citroen nur 30 Euro. Der Deal steht. Ich cruise zum Parkplatz. Der Duftbaum baumelt und ich atme durch.

Der nächste Morgen. Mit Inlinern zur Werkstatt. Von weitem sehe ich Blinklichter. Spitzmüller wartet schon. Bevor es losgeht, werfe ich noch schnell eine Dankes-Karte in den Briefkasten der Werkstatt. Hier bewerbe ich meine schriftstellerischen Tätigkeiten (höhö) und meine Französisch-Kenntnisse. You never know. Vielleicht brauchen sie ja mal meine Hilfe.

Wir schlängeln uns durch die Stadt. Durch die Rückscheibe zwinkere ich Knudsen zu. Alles wird gut. Irgendwie. Ich lasse dich nicht im Stich.

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Im Fahrerhäuschen reden Spitzmüller und ich über Flüchtlinge und den Klimawandel. Ich ertappe mich dabei, wie ich Spitzmüller in eine Schublade gesteckt habe. Wie falsch. Dieser Mensch ist alles andere als einfältig. Er erzählt mir, dass er seine Tochter alleine groß gezogen hat und dass er gerne Rinderragout mit Pilzen, sehr viel Pilzen, isst.

Der Blinker klickert. Wir biegen in meine Straße ein. Der Weg ist eng. Die Spaziergänger bleiben stehen und glotzen. „Sie dürfen hier aber nur drei Tage stehen.“, raunt ein Mann. „Ja, ja, ich fahre dann weg.“ Pff, wenn er wüsste…

Spitzmüller koppelt Knudsen ab. Ich setze mich ins Fahrerhäuschen, drücke die Kupplung. Mit den Energiereserven der letzten zehn Rinderragouts schiebt Spitzmüller Knudsen an. Es ruckelt. Dann schreit er: Haaaandbremse!

Es ist vollbracht. Also fast. Knudsen steht schief. Die rechte Seite ist abschüssig. Nicht gut, aber mehr Schweiß will ich aus Spitzmüllers Poren nicht fließen sehen. Ich bin so erleichtert, dass ich Spitzmüller heftigst in die Arme nehme. Er, irritiert von so viel Nähe, beginnt zu stammeln. „Wenn, wenn Sie, also wenn Sie Probleme haben, melden Sie sich.“

Dann rauscht er davon. Ich betrete mein Zuhause. Alles ist aus den Schränken gefallen. Chili-Pfeffer auf der Unterwäsche, Strumpfhosen umgarnen den Feuerlöscher. Doch für Ordnung ist jetzt keine Zeit. Philipp wartet auf sein Auto. Auf dem Weg, ein Baumarkt. Im Sonderposten-Bereich hole ich mir zwei Bretter, die ich im Self-Bereich zerkleinere. Sägen macht so Spaß. Jetzt verstehe ich alle großen Magier.

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Voll beladen geht’s mit dem Radel zurück zu Knudsen. Ein flüchtiger Blick nach rechts durch die Schrebergartenhecke. Oh, Männer. Viele. Mindestens sieben. Also hin. „Hallo, ich brauche Männer.“ Sie fackeln nicht lange, sondern kommen mit. Fünf an der Zahl, einer mit Gipsarm. Ich verstehe ihre Sprache nicht. Vielleicht Bulgarisch? Dann erkläre ich ihnen, dass mein Auto schief steht und dass ich Bretter zerlegt habe. „Mädschän, lass Motor lauffen.“ Okay, ich folge den Befehlen. „Nischt Getriebe, Kuuplunk, kaputtt. Nicht schlimm.“ Höh? Knudsen, nicht tot, nur quasi im Koma? Ich kann es nicht fassen. „Bruder macht fertisch.“ Welcher Bruder? Egal. Jeder heißt Bruder. In meinem Telefonbuch gibt’s jetzt auch einen. Wenn sich „Bruder“ wirklich meldet, und Knudsen wieder fahren wird, dann steige ich auf den Münsterturm und lasse ein Banner mit der Aufschrift „Bruderherz“ herunterflattern. Versprochen!

The End: Knudsens Himmelfahrt zu den gelben Engeln

Samstagmorgen. Die Autobahn ist leer. In meinem Autoradio liegt eine frisch gebrannte Mandel CD. Alles schwingt. Sogar die Windräder grooven mit. Freiburg, wir kommen!

Plötzlich macht Knudsen einen Satz nach hinten, dann wieder nach vorne. Es riecht verkohlt. Ich fahre auf den nächsten Parkplatz und fülle Öl nach – sogar mit Trichter. Vorher habe ich da eher gefreestlyt.

Die Fahrt geht weiter. Jetzt vibriert das Lenkrad. Ich ziehe den Telefonjoker und rufe meinen Schwager an. Er sagt: Weiterfahren. Die Schilder an der Seite rauschen vorbei. Tschüss Emsland, tschüss Niedersachsen. Ich bin still geworden. Hier stimmt was nicht. Knudsen quietscht, schrill und ungesund. Plötzlich ein lautes Reißen, kratzendes Metall, das Gaspedal wirkungslos. Ich rolle auf den Seitenstreifen. Der Motor springt noch an, Gas geben ist nicht mehr. Adrenalin. Kurzes Atmen. Unter der ADAC-Festnetznummer meldet sich niemand. Endlich komme ich durch. Ein Mann mit einer sehr warmen und hellen Stimme meldet sich. Kurz denke ich darüber nach, ihm ein Hörfunk-Volontariat vorzuschlagen, aber der Moment ist unpassend. „In einer Stunde kommt mein Kollege zu Ihnen, machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut.“

Ich schalte den Krisenmodus ein und fühle mich an Paris erinnert. Was brauche ich, was kann im Wohnmobil bleiben? Welche Klamotten sind widerstandsfähig und eignen sich für einen Berufseinstieg? Welche verknittern und verwelken ohne Kleiderbügel? Während der Bauch meiner Reisetasche immer voller wird, donnern die Autos an mir vorbei. Fühlt sich wie ein Erdbeben an.

Durch mein Küchenfenster kündigt sich etwas Gelbes an. Es ist der ADAC-Mann. „Wir müssen uns jetzt beeilen. Zwei meiner Kollegen sind hier schon gestorben. Also bloß schnell weg hier.“ Er hat total die Panik. Ich bin die Ruhe selbst. Verkehrte Welt.

Nachdem Knudsen auf dem Anhänger steht, düsen wir zur ADAC-Werkstatt. Erste Diagnose: das Getriebe ist kaputt. Die Kurbelwelle dreht sich nicht mehr. Auch die Kupplung könnte hin sein.

Was jetzt? Der ADAC-Mann schätzt die Reparaturkosten auf 3.000 bis 4.000 Euro. Lohnt sich eigentlich nicht mehr, sagt er trocken. Aber Knudsen kann doch nicht hier stehen bleiben. Ich gebe alles. Tränenwasser fließt nicht, nur eine flammende Rede aus meinem Mund. Er telefoniert mit seinem Chef und macht ein Daumen-Hoch-Zeichen. Ein Wunder. Knudsen wird in zehn Tagen per Sammeltransport nach Freiburg gebracht. Meine Gegenleistung: Ich muss eine Werkstatt finden, die Knudsen aufnimmt. Genial.

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Für meine Weiterfahrt bekomme ich einen FIAT 500. Mit Klimaanlage und Automatik-Getriebe. Ich hasse das Auto jetzt schon. Der Service ist toll, aber Knudsen ist klinisch tot. Ich bin unendlich traurig. Es ist lange her, dass ich so zu 100% traurig war – ohne andere Einsprengsel wie Wut, Enttäuschung oder Selbstmitleid. Diese Trauer fühlt sich wie die Bleischürze an, die ich vor ein paar Tagen beim Röntgen meiner Weißheitszähne getragen habe. Einfach nur schwer.

Auf der Autobahn überhole ich viele Wohnmobile. Jedes Mal ist es ein Stich ins Herz. Voller Sehnsucht verrenke ich meinen Hals und glotze in die Fahrerhäuschen. Ihr habt es gut, ihr Menschen, euer Wohnmobil fährt noch.

Aber ich darf jetzt auch nicht schwarzsehen. Knudsen hat ein Jahr durchgehalten. Ich bin so dankbar. Vielleicht verewige ich einen kleinen Knudsen auf meiner Haut irgendwo. Vielleicht auch nicht.

Jetzt erstmal in Freiburg ankommen. Ohne Wohnung, aber mit tollen Freunden. In der kommenden Woche werde ich in drei unterschiedlichen WGs schlafen. Auch ein Aufruf in der Facebook-Gruppe „Free your stuff Freiburg“ war überwältigend. Da draußen gibt es wirklich Menschen, die mir ihr Zelt leihen und mich einfach so aufnehmen würden. Wie soll ich da noch traurig sein?

InkedWoMo-Anfragee

 

Incontinent-al unterwegs

Knudsen tropft, ich bin arbeitslos und der Sommer ist vorbei – dann mal PC runterfahren und begraben. Was sich nach emotionaler Apokalypse anhört, ist eigentlich ein wunderbarer Neuanfang.

Ich bin zwei Wochen zuhause. Hier gibt’s Lichtschalter, Heizkörper und doppelseitiges Klebeband. Mein Vater hat extra am Warmwasserboiler herumgefingert. Wenn er könnte, würde er wohl einen Stausee mit heißem Wasser für mich anlegen.

Jeden Tag ist Sonntag. Alle wollen mir Gutes tun, Völlerei statt Verzicht. Meine Mutter schöpft ihr gesamtes Backofenrepertoire aus, eine Schwester schenkt mir eine samtweiche Schlafmaske, die andere kredenzt mir eine wahnsinnig gute Eisschokolade. Ich lasse mich verwöhnen und wippe im Schaukelstuhl zu den Lieblingsschlagern meiner Mutti mit.

Irgendwann breche ich aus, der Pyama ist zu kleinkariert, der Herzschlag zu langsam. Opfer meines Aktionismus, natürlich Knudsen. In einem Affenzahn geht’s zum Stoffladen. Dritter Gang. Veränderung. Vierter Gang. Neue Farben. Fünfter Gang. Funktioniert nicht. Das Resultat: eine pinke Hölle. Keine Ahnung, was mich beim Kauf des pinken Stoffs mit Sonnenblumenmuster geritten hat. Es sieht scheußlich aus. Voll girly, barbie-esk.

Meinen Frust lasse ich an der Tischdecke aus. Abmessen ist nicht mehr, die Nähmaschine soll bluten. Sie quält sich durch die Fetzen.

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Die hässlichste Tischdecke der Welt. Powered by Aggressivität und Frust.

Ich betrete mein Wohnmobil und habe das Gefühl, dass mir eine diabolische Hello-Kitty-Version ins Gesicht springt. Kratsch, zurück zum Stoffladen. Alles nur kein Pink. Am besten gar keine Farbe.

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So sieht Seelenfrieden aus.

Innen jetzt hui, außen aber pfui. Denn: Knudsen ist inkontinent. Auf dem Asphalt hinterlässt er einzigartige Öl-Gemälde, vermischt mit edlen Dieseltropfen.

Der Tank hat im oberen Drittel einen Riss und die Ölwanne ist durchgerostet. Ersatzteile sind äußerst schwer zu bekommen und WoMo-Windel habe ich noch nie gesehen. Der Fachmann sagt: Knudsen ist eigentlich nicht mehr zu retten. Nach Freiburg (neuer Job) komme ich wohl noch, danach kommt das Glück.

Ist Knudsens Blasenschwäche ein Zeichen? Soll ich zurück in eine normale Wohnung? Mit Fußmatte und Dreifachsteckdosen? Meine Gedanken formieren sich gerade zu einem Katzenbuckel. Unter uns: Ich will im WoMo wohnen bleiben. Aber: Ich möchte auch Freunde einladen, ihnen die Möglichkeit geben, sich duschen zu können. Sie sollen sich wohlfühlen. Auch im Winter. Daher werde ich mir wohl eine Bude suchen. Ganz klein, ohne viel Schnickschnack. Und Knudsen? In Freiburg gebe ich eine Annonce auf. „Suche Bastler für Wohnmobil“. Dann meldet sich hoffentlich ein ultra gelangweilter Rentner oder ein junger Spund, egal. Irgendjemand, der gerne schraubt. Knudsen aufgeben will ich nicht. Wir halten zusammen in guten wie in schlechten Zeiten – bis dass der Tod uns scheidet oder der Keilriemen reißt.