Kaleidoskop-Knudsen: Ein Reisebericht

Paris. Bretagne. Normandie. Paris. Sieben Tage und Nächte zusammen. Schlafen, schnacken, schmatzen, alles auf weniger als fünf Quadratmetern. Wie meine Freundin Christina unseren Wohnmobil-Urlaub in Frankreich erlebte und warum Wasserhähne manchmal glücklich machen, das erfahrt ihr hier:

von Christina Forsbach

„Ja, zum Urlaub schon, aber immer in diesem Wohnmobil wohnen? Das könnte ich mir nicht vorstellen.“ Diesen Kommentar höre ich immer wieder am Rande der „Open Wohnmobil-Party“, die wir in idyllischer Atmosphäre am Canal Saint Martin in Paris veranstalten. Ein Kennenlernen zwischen Knudsen und Anitas Pariser Freunden ist geplant. Gesagt, getan. Wir haben ein Fass Bier, Apfelschnaps aus Norddeutschland, eine selbstgenähte Girlande und Campingstühle, außerdem die Unterstützung freundlicher „éboueurs“, Pariser Straßenarbeiter, die uns ihren Kühlschrank zur Verfügung stellen. Ein Café (besser als Bio-Klo) ist um die Ecke. Wir haben an alles gedacht. Später, als ich beim Zähneputzen das sich im Wasser spiegelnde Mondlicht betrachte, ahne ich, dass dieses Leben im Wohnmobil nicht nur diesen, sondern wohl so manch anderen Organisationsaufwand erfordert.

Am folgenden Tag schlagen wir den Michélin-Plan auf und tippen auf die Normandie. Ich kann kaum warten, aus der Großstadt Paris zu entfliehen. In der Koje über Knudsens ruhendem Motor war ich an der Grenze zur Platzangst gewesen. Auch der Kontrast zwischen unserem „Heim“ am Rande einer vielbefahrenen Straße durch den Bois de Vincennes, wo immer wieder „SDF“ (weniger politisch korrekt auf Deutsch mit „Obdachlose“ zu übersetzen) um unser sicheres Gefährt streichen, und der hell erleuchteten Buchhandlung Gallimard, in der ich einen in Leder eingebundenen Gedichtband erstehe, erschreckt mich. Warum eigentlich? Im Grunde genommen ist hier alles „normal“: wie jede meiner anderen Freundinnen auch, dessen Apartments ich besucht habe, hat mir Anita morgens etwas Müsli zum Frühstück bereit gestellt. Und doch habe ich mich gefreut, mir eine heiße Schokolade im Café Angleterre zu kaufen, Waschräume inklusive.

Knudsen passt eben eher aufs Land. Hier wirkt er glücklicher, wenn der Reifen seiner sanften Gummischnauze die frische Luft spürt. Wenn wir spontan abbiegen, um auf einem Hof am Wegrand bei einem gemütlichen Bauern eine Flasche hausgemachten Cidre zu kaufen. Wenn unser einziges Ziel ein Stellplatz am Meer ist, die Kulisse des Mont Saint Michel am Horizont, und wir zum Geräusch der Wellen einschlafen. Ich beginne, mich an Knudsens organisierte Gemütlichkeit zu gewöhnen. Auf Kontaktlinsen (das Wasser zum Händewaschen ist knapp), eine häufige Handynutzung (kein Strom, im Übrigen sind iPads aber kleine Batteriemarathonläufer) und Schminke verzichte ich, dafür gewinne ich das klare Meer am morgen, in das ich am liebsten nackt springen möchte. Fast mit Schadenfreude beobachte ich die Busse, die eine ganze Ladung Touristen auf den Strand von Arromanches-les-Bains kippen, damit diese in verschiedenen Sprachen den Führungen im Museum der Landung der Alliierten folgen. Bestimmt haben sie schon mehrere Stunden Anfahrt hinter sich, während wir einen Kilometer entfernt auf einer Anhöhe über dem Strand neben einer Infotafel die Nacht verbracht haben (übrigens haben wir erst morgens gemerkt, dass die Betonblöcke, die vor unserer Haustür im Meer lagen, keineswegs Zufall sind, sondern die Überreste des von den Briten entwickelten künstlichen Hafens „Mulberry Harbor“, ein wahrliches Meisterwerk der Militärgeschichte). Mit Ironie begegnen wir auch der Tatsache, dass wir nur zwei Kilometer vom mondänen Seebad Deauville entfernt einen Wohnmobil-Stellplatz finden und abends im Licht des Sonnenuntergangs in das Herz dieser bunten Welt spazieren, auf der Suche nach einer Strandbar und ein bisschen Strom.

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Was ist dieses Gefühl ? Ein gewisser Frohmut und eine Leichtigkeit, die mit dem Befreien von einem solchen Ballast in der Welt rührt: keine Suche nach überfüllten Jugendherbergen, keine langen Nach-Hause-Wege, kein Streben nach finanzieller Sicherheit, damit die Hotelrechnung (und noch so viel mehr) bezahlt werden kann. Kein bizarres Straucheln des Individuums in der Gesellschaft, wie es so eindrucksvoll F. Scott Fitzgerald beschrieben hat, dessen Geschichten ich während des Frühstücks am Strand lese. Stattdessen eine pure Wahrnehmung des Grases unter unseren Füßen, während wir eine Herde Kühe beobachten. Ein Spiel mit den Wind, der immer wieder Knudsens etwas wacklige Seitenspiegel einklappt wie Elefantenohren. Ein Gefühl der Gezeiten, mit denen wir leben. Ein Wundern über die Menschen, die wie Ameisen jeden Knotenpunkt unserer Route bevölkern.

„I was within and without, simultaneously enchanted and repelled by the inexhaustible variety of life.“ (F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby).

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