Kummer-Knudsen

Der alte Zottel liegt im Krankenhaus. Uns trennen 700 Kilometer. Er ist in Paris. Ich bin in Stuttgart. Eine ungewollte Fernbeziehung. Was ist passiert?

IMG_4802[1]Drei Wochen Urlaub lagen wie ein schlafender Hund vor meinen Füßen. Freiheit. Radkarten auseinanderfalten, im Wintergarten Vögel beobachten, bei Muttern mit Teddy einschlafen. Ende Juli, dann der große Trip nach Frankreich. Über die Ardennen nach Paris. Noch 30 Kilometer vor grauem Großstadtbeton, unendlich viele Tagesschau-Wettervorhersagen-Motive. Mein rechter Außenspiegel, eingeklappt wie ein Elefantenohr. Nicht so gut. Jeder Spurenwechsel, eine Herausforderung für meinen Stoffwechsel. Sonntag, 15 Uhr. Knudsen parkt in Paris.

Ich treibe auf zwei Rädern durch die Stadt. Für die „Open-Van-Party“ suche ich ein lauschiges Plätzchen, gut angebunden an die Metro und mit dem gewissen Etwas. Unterhalb einer Straße entdecke ich ein verlebtes Kanalufer. Ein paar Müllwagen stehen kommunikativ umher, male in Gedanken Sprechblasen über ihre Fahrerkabinen. Die Straßenfeger selbst, auch ein sehr redseliges Völkchen. Nachdem ich ihnen Apfelschnaps verspreche, darf ich alles, auch ihre Kühlschränke mitbenutzen.

Knudsen, nach einem Besuch in der Waschanlage noch nie so herausgeputzt, bereit, meine Pariser Freunde kennenzulernen. Gitarrenklänge, Regentropfen, schwimmende Lichter auf dem Kanal. Es war ein Abend, der im Sand einen Abdruck hinterlassen würde. Nie hätte ich geahnt, dass in fünf Tagen alles anders sein wird.

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Am Morgen nach der Party schauen meine Freundin und ich zum ersten Mal in den Atlas. Wohin soll es eigentlich gehen? Vielleicht ans Meer? Ans Meer.

Bretagne, Normandie, entlang an den Stränden der Alliiertenlandung, dann über Verdun zurück nach Deutschland. Das Leitmotiv: der zweite Weltkrieg. Klingt nach einem guten Drehbuch, oder? Nur der Regisseur hatte einen Filmriss.

Kurz vor Paris, auf dem Weg nach Verdun, macht Knudsen auf einmal seltsame Geräusche. Sehr dumpf und ungesund. Im dritten Gang zittert das Lenkrad. Im vierten und fünften Gang ich. Vor lauter Stress habe ich eine Salzstangen-Fressattacke. Fünf Salzstangen pro Sekunde ziehe ich runter. Mit 60km/h und Salzkrümeln in den Mundwinkeln schleichen wir in die Innenstadt.

Mein Bauch sagt mir, dass die Reise hier in Paris zu Ende sein wird, obwohl Knudsen immer genug Drinks hatte. Öl, Wasser, alles ok. Ein Blick unters Auto macht mich auch nicht schlauer, nur meiner Freundin Angst, weil einige Rollerfahrer sehr dicht an meinen Fahrgestellen vorbeiheizen. Gute Nachricht: Meine Beine sind noch dran. Schlechte Nachricht: Es ist Freitagabend, alle Werkstätten haben zu und ich bin NICHT im ADAC. „Sorgen kannst du dir morgen auch noch machen“, sagte meine Pariser Freundin, bei der wir nach drei Tagen erstmalig wieder Kontakt mit Wasser haben durften.

Samstagmorgen, 8 Uhr. Ich kann nicht mehr schlafen. Habe ich überhaupt geschlafen? Ich weiß es nicht. Ich bin total aufgekratzt. Ich rufe mehr als 30 Werkstätten an. Kein Erfolg. Die ersten Tränen kullern herunter. Samstags seien alle „mécanciens“ ausgeflogen, und Madame, es ist Urlaubszeit, wir können leider nichts für Sie machen. Was haben Sie denn für ein Modell? Einen Mitsubishi. Da können wir leider noch weniger für Sie machen. Sie sollten französische Autos kaufen. Haha. Vom Balkon des 10. Stocks blicke ich hinunter. Springen will ich nicht.

Ich schaue meinen weißen Marshmallow an. Vielleicht gibt es ja Anleitungen im Internet für Wohnmobil-Flügel? Dann würde ich mit Knudsen nach Stuttgart fliegen und hinter mir eine Spur aus Sternenstaub hinterlassen.

Ich bin verzweifelt.

Ein Hoffnungsschimmer glimmt auf. Eine Frau am anderen Ende der Leitung spricht zu mir. Bis halb1 soll ich aufschlagen, danach seien die Schotten dicht. Also nochmal 15 Kilometer quer durch Paris schlängeln und beten, dass nichts passiert.

„Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Das angebliche Ziel: eine heruntergekommene Häuserfassade mit einer zentimeterdicken Posterschicht. Das darf jetzt nicht wahr sein. Ein Blick auf die andere Straßenseite. Huch, da ist ja eine Werkstatt. Mit einem anderen Namen, aber egal. Direkt hin.

Meine Freundin und ich warten im angestaubten Empfangsbereich. Ein Afrikaner textet uns zu. Er schwärmt von der deutschen Sauberkeit und den sauberen deutschen Frauen. Ich kann nicht mehr. Endlich! Ein mécanicien, Typ Feldmaus mit magischen Händen, befreit mich. Wir machen eine Spritztour. Es gibt ein Problem mit dem Motor, aber wir können Ihnen leider nicht helfen, Madame, Ihr Wohnmobil ist zu hoch für unsere Hebebühnen. Mein Kumpel hat eine LKW-Hebebühne. Einfach geradeaus fahren.

Tief durchatmen. Zurück ins Auto, neuer Versuch.

Die Werkstatt hat zu. Alles vergittert. Überall Unkraut. Der absolute Tiefpunkt. Mit meinem Tränenwasser könnte ich jetzt etwas gegen den Klimawandel tun und den sinkenden Meeresspiegel anheben. Ich spreche wahllos einen Passanten mit schiefen Zähnen an. Sofort funkt er seine Kumpels an. Es ist halb2. Zu dritt nehmen wir wieder Fahrt auf. Die Situation: mehr als skurril. Ich am Steuer, daneben meine ratlose Freundin, dann ein Mann mit Cappy, Plastiktüte und einem „Häh“ als Dauerinschrift im Gesicht. Plötzlich ein Anruf: Die erste Werkstatt sagt, wir könnten doch noch vorbeikommen. Ein Wunder. Sie geben mir eine neue Adresse. Wir fahren hin.

Keine Werkstatt in Sicht, aber immerhin ein Büro. Wie in Trance überreiche ich ihr Schlüssel und Fahrzeugbrief. Meine Freundin und ich holen unsere Habseligkeiten aus dem Auto. Fühlt sich an, als ob das Auto Feuer gefangen hätte. Ticktack. 1000 Fragen im Kopf. Was brauche ich in den nächsten sechs Tagen? Handykabel, zwei Hosen, zwei Blusen, Klamotten für die zwei bevorstehenden Vorstellungsgespräche. Eine Regenjacke? Regnet bestimmt nicht. Duschgel? Zu viel Luxus. Ohrringe? Quatsch. Den Ordner mit den wichtigen Papieren? Kein Platz. Dann aurevoir Knudsen. Meine Pflanzen bekommen die letzten Wasserreserven. Das wars.

Die nette Dame vom Empfang versichert uns, dass gleich ein mécanicien, den Wagen zur Werkstatt bringen werde. Wo sich die Werkstatt genau befindet, sagt sie nicht. Mir ist jetzt sowieso alles recht. Ich bin ihnen ausgeliefert.

Meine Freundin und ich stehen mit unseren Taschen vor dem Büro. Neben uns der Passant mit der abstrakten Zahnreihe. Er ist einfach da und leidet wohl auf seine Weise mit uns. Irgendwann verabschieden uns.

Wir suchen einen Park auf und überlegen, ob wir aus Trotz und Resignation nach Deutschland zurücktrampen sollen. Aber die günstigen Bahntickets von Paris nach Straßburg halten uns zurück. Wir taumeln zur Metro und kehren wieder bei meiner Pariser Freundin ein. Ich bin erleichtert. Die Gewitterwolken ziehen vorbei. Ich kann sogar wieder lachen, denn in der Eile habe ich vergessen, die Pippibox zu leeren. Sie ist gut befüllt und was bei einem rasanten Fahrstil in Kombination mit französischen Kreisverkehren oder bei einer impulsiven Auffahrt auf Hebebühnen alles passieren könnte, will ich mir gar nicht vorstellen. Auch die Salzstangen-Krümel auf Armaturenbrett, Sitz und Fußbereich müssen ein recht assiges Bild von mir abgeben. Egal.

Es geht mit dem Zug zurück nach Deutschland. Ein mulmiges Gefühl. Ich habe keine Schlüssel und auch keine Wohnung mehr. Auf einen Schlag obdachlos.

Am Dienstag dann der erlösende Anruf aus der Werkstatt. Ultra turbobeat Herzklopfen. Ist Knudsen noch zu retten oder muss ich ihn in der Seine versenken? Die Geschichte nimmt vermutlich ein Happy End.

Knudsen hat einen Getriebeschaden. Die Reparatur ist aufwendig, kostspielig, aber nicht unmöglich. Für ein paar Minuten ziehe ich einen Versicherungsbetrug in Erwägung, entschließe mich dann doch für den Biss in den sauren Apfel. Knudsen soll weiterleben. Das Abenteuer ist noch nicht vorbei.

Wenn alles gut geht, hole ich ihn am Samstag in Paris ab. Ich freue mich natürlich wahnsinnig auf ihn und noch mehr auf meinen Kleiderschrank. In meinem Wahn habe ich nämlich nur langärmelige Klamotten mitgenommen. Grober Fehler im Hochsommer 🙂

 

PS.: Christina und Asia, wenn ihr das hier lest, dann wirbel ich euch in Gedanken durch die Luft. Ohne euch, hätte ich meine Autoschlüssel wahrscheinlich in einen Gullideckel gepfeffert. Danke, dass ihr für mich da wart.

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