F-A-Q

Immer wenn ich meine Geschichte erzähle, ploppen bei meinem Gegenüber Fragen auf. Sie ähneln sich und ich ertappe mich, wie ich beim Antworten in eine sprachliche Routine verfalle. So als ob ein Pressesprecher in mir wachgeküsst werden würde und die „Wohnmobil“-Platte abspielt. Mit festgezurrter Krawatte und papierweißen Zähnen stellt er sich den Fragen der Journalisten.

Hier die Top 5 der meist gehörten Fragen:

Hast du keine Angst?

So richtig Angst und Bange ist mir im Wohnmobil noch nicht geworden. Klar, es gab Momente, in denen sich mein Herz wie eine getrocknete Pflaume angefühlt hat. Zum Beispiel als in der ersten Nacht ein Ast auf mein Dach gekracht ist oder als ich viele Männerstimmen direkt vor meinem Wohnmobil gehört habe, sie dann abrupt verstummten und schließlich weiterzogen. In meinem Kopf ist ein Film angesprungen. Wo ist mein Pfefferspray? Was könnten Sie wollen? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie meinen Look, Oma-Socken mit Textil-Shabby-Chic, sehen würden? Ich musste schmunzeln – meine Wände sind dünn, aber das Fell ist dick. Und wenn etwas passiert, kann es überall passieren. Warum also in meinem WoMo, das von außen super ranzig ausschaut? Diesen schäbigen Eindruck pflege ich übrigens akribisch. Im Fahrerhäuschen liegen angeschimmelte Joghurtbecher herum. Alles Tarnung, Leute!

Fühlst du dich nicht einsam?

Bei dieser Frage muss ich eine innere Horde „Hähs“ unterdrücken, die wie Kohlensäure an die Oberfläche sprudeln wollen. Warum sollte ich einsam sein? Ich wohne in einer Einzimmerwohnung auf Rädern, mitten in der Zivilisation. Nur wenn ich verreise, suche ich verlassene Orte auf, weil ich den Trampelpfaden aus dem Weg gehen möchte. Das ist gewollte Einsamkeit.

Wie gehst du auf Toilette?

Aus fünf OSB-Platten hat mein Fast-Schwager einen Thron zusammengezimmert. Mit der Stichsäge ein Loch herausgeschnitten, eine gepolsterte Kinderklobrille mit Fischen eingefügt und Spanngurte für einen 10-Liter-Eimer mit Deckel von Obi angebracht.

Nachdem ich auf Toilette war, streue ich einen halben Messbecher Kleintierstreu über mein Werk. Kleine Anekdote: Immer wenn ich Kleintierstreu kaufe, kommen Kindheitserinnerungen hoch, weil ich an mein Kaninchen „Muckibudi“ denken muss, das leider an Skorbut erkrankt und von mir gegangen ist. Rest in peace, kleiner Seehase. Zurück zum Klosett: Alle 10 Tage leere ich meine Pippibox. Dazu eignen sich besonders gut die späteren Abendstunden. Ich schleiche mich mit meinem quietschorangenen Eimer aus dem Wohnmobil und suche ein Waldstück auf.

Hast du Internet?

Um mich ins WLAN meiner Nachbarn einzuhaken, fehlen mir die fachlichen Kompetenzen. Die Namen der WLAN-Verbindungen sprechen schon für sich: „Hexenhaus“, „Ninjas89“, „8Ball“. Eine Sprache, deren Potential sich vielleicht in einem Haiku entfalten könnte. Oder auch nicht. Naja, Internet habe ich auf jeden Fall. Ein Handy-Hotspot macht‘s möglich. Filme streamen, kein Problem.

Was fehlt dir am meisten?

Ein Schreibtisch. Definitiv. Mit der Kälte kann ich mittlerweile umgehen, aber keine anständige, waagerechte Platte zu haben, bringt mich auf die Palme.

Ich muss etwas dagegen tun und den bisherigen „Tisch“ herausschmeißen. Er ist schief und wackelt. Optisch ne Wucht, aber in funktionaler Hinsicht ein leeres Versprechen. Aber wenn ich daran denke, wie viele Schweißtropfen aus den Poren meines Schwagers herausgetreten sind, als er mit der Kettensäge den Baumstamm zerlegt hat, dann kann ich mich nicht davon trennen.

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