Winterschlaf

Anhand des Aggregatzustands meines Honigs und einem Löffel kann ich die Außentemperatur bestimmen. Löffel hineinstoßen, angespannter Bizeps = null Grad draußen. Geschmeidiges Eintauchen = es wird milder. Flüssige Fäden = der Sommer kommt zurück.

Momentan ist mein Honig steinhart. Hart sind auch die Nächte. Ich muss mir etwas für meine Nasenspitze einfallen lassen. Alles ist eingepackt, sogar der Kopf. Nur die Nase, diese abgefahrene 3D-Konstruktion, guckt raus und macht Probleme. Ich bräuchte eine Clownsnase aus Lammfell und breiten Gummibändern. Wenn ich „Reinhold Messner“ und „Kalte Nasenspitze“ eingebe, ploppen bei Google Images Bilder von erfrorenen Gliedmaßen auf. Och nö. Wie machen das denn die Profis?

Eine Heizdecke könnte des Problems Lösung sein. Aber mit 26? So habe ich mir die Blütephase meines Lebens nicht vorgestellt. Nein, Heizdecke ist ultima ratio. Heizdecke ist Oettinger. Heizdecke ist Dreier-Margarita-Pizza von Tip.

Vielleicht befolge ich den Rat meiner Freundin. Ihre Idee: heißes Wasser in Plastikflaschen füllen und die Buddeln einfach ins Bett legen. Einziger Haken: ich habe kein fließendes Wasser. Meine Quelle plätschert bei der Arbeit oder ein paar Straßen weiter, in einer öffentlichen Toilette. Unpraktisch. Denn schon jetzt habe ich das Gefühl, dass meine Fingernägel den Bürgersteig berühren, wenn ich vom Wasserholen wiederkomme.

Vielleicht sollte ich mir einen Heizlüfter kaufen. Aber die Dinger haben so einen gefräßigen E-Heißhunger. Da können meine Stromeltern gleich eine Hypothek auf ihr Häuschen aufnehmen. Das möchte ich nicht. Apropos Stromeltern. Gestern habe ich meine Wertsachen bei ihnen abgeholt. Ich hatte sie letzte Woche bei ihnen deponiert, weil ich in Berlin war. Wie in einem Pfandhaus. Wir haben nur kurz geplaudert, als die „Die Frau“ plötzlich etwas hinter ihrem Rücken hervorzauberte. Peter und „Die Frau“ standen da wie stolze Chorknaben. „Erst am 1. Dezember aufmachen“, sagte „Die Frau“ und überreichte mir ein Paket. „Optimal“ prustete es aus Peter heraus. Keine Ahnung, worauf es sich bezog. Fest stand nur, meine Tränendrüsen wollten herunterlaufende Tränen, Taschentücher und wilde Umarmungen. Aber ich habe mich gefangen, bin aus der Haustür marschiert und habe gedacht: Alter Falter, das war gerade der schönste Moment des Tages.

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