Crocs Monsieur

Es ist Sonntagabend. Ich komme zurück aus München. Die Straßen glänzen und mein Wohnmobil ragt wie ein Eisberg aus der Parkreihe hervor. Ich bin beruhigt. Es ist nicht explodiert, ausgebrannt oder verschleppt worden.

Im Inneren meines Iglus sind es vier Grad. Kurz vor dem Gefrierpunkt. Ich könnte heizen, den Zünder meiner Gasheizung habe ich reparieren lassen, aber die Gasflasche ist so gut wie leer. Es nützt alles nichts, ich muss wieder auf Steckdosen-Suche gehen. Die ersten Türen öffnen und schließen sich genauso schnell wieder. Kein Glück – bis ich Inge und Peter treffe. Ein älteres Ehepaar mit Vorgarten und angemoosten Gartenzwergen. Ich stehe vor ihrer Haustür und erkläre ihnen, dass mir kalt ist. Peter fackelt nicht lange, schnallt seine weißen Crocs mit Lammfell-Fütterung unter und kramt eine Kabeltrommel hervor. Auch Inge ist in Aufruhr. Sie schlüpft in ihre gepunkteten Crocs und sucht Taschenlampen und Absperrband. „Wir sind eingefleischte Camper. 30 Jahre sind wir losgezogen. Jetzt haben wir alles verkauft.“ – Peters Augen leuchten. Beide crocsen durch den Vorgarten. Aufgeregt wie Kinder. Ich schaue nur noch zu und lasse es geschehen.

Peter legt das Stromkabel in eine Plastikhülse auf den Bürgersteig. „Die Frau“, wie er sagt, wickelt Absperrband um die Leitung. Mit zwei großen Steinen beschweren sie ihre Konstruktion. Danach laden sie mich in ihr Wohnzimmer ein. Es ist gemütlich. Zwei Fernseher laufen.

Peter erzählt mir von seinem Sohn, der ihm eine Niere gespendet hat. Peter hat sie auf den Namen „Regina“ getauft, weil sie sich auf der rechten Seite befindet. Links sitzt „Lisa“. Krasse Freakshow, denke ich ganz leise und hoffe, dass sich diese wirren Gedanken nicht in meinem Gesicht widerspiegeln.

Ein netter Plausch und eine Verabschiedung auf der Türschwelle. Meine Adoptiv-Strom-Eltern winken. Zurück im Wohnmobil. Die E-Heizung und meine Bäckchen glühen auf im Lampenlicht.

Seit unserer ersten Begegnung schreiben mir Peter und „Die Frau“ kleine Briefchen. Sie kleben an meiner Wohnmobil-Tür. Manchmal pflanze ich mich abends nach der Arbeit noch auf ihre Couch. Sie erzählen mir von ihren Camp-Abenteuern und blühen dann auf. Eine Politesse soll auch schon vorbeigekommen sein, sagt „Die Frau“. Sorgen soll ich mir aber keine machen. Ihr Mann und sie würden beim Zollamt arbeiten. Augenzwinker.

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