From hell: Frau H. aus B.B.

Ich lebe in einer WG. Meine Mitbewohnerin heißt Kälte. Sie legt sich auf alle Oberflächen. Und besonders gerne auf das Bettlaken. Wie ein Fisch im Sushi rolle ich mich in meine Decke ein. Immer noch da, diese Kälte. Das Quecksilber im Thermometer sinkt auf sieben Grad. Meine Nase ist rot.

Ein Blick nach draußen. Durch die Zypressenhecke schimmert das Licht der angrenzenden Häuser durch. Viele Villen und Neubauten. Es sieht gemütlich aus.

Ich mache mich auf den Weg. Mit Körbchen, Wärmflasche und Decke – wie Rotkäppchen. Unschuldig und bedürftig.

Vier Namen, ein zufälliges Klingeln, Licht im Erdgeschoss. Ein Herr, Ende 60, in einem schwarzen Rollkragenpullover, tritt hervor. Ich stelle mich vor und frage, ob ich seinen Strom mitbenutzen dürfte. Im 1. Stock schiebt eine ältere Dame die Gardine weg. „Das muss ich erst mit meiner Frau besprechen.“ Er stampft die Treppe hoch. Ich warte. Die Gardine bewegt sich. Er kommt zurück und schüttelt mitleidig den Kopf. „Ja, also ich hätte ja nichts dagegen, aber meine Frau… .“ Schade, adieu Pantoffelheld.

Wieder klingeln. Eine Frau mit blonden Strähnchen, mandelförmigen Augen und Mittelscheitel hastet zur Eingangstür. „Sorry, ich muss zum Elternabend!“ Zwei Sekunden Augenkontakt. Zwei Sekunden Sympathie. Ich kann sie jetzt nicht ziehenlassen, sagt mein Bauch. Also dreist sein: „Schuldigung, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Ihren Strom anzapfe?“ „Kein Problem, ich muss nur jetzt los. Draußen auf der Terrasse ist eine Steckdose. Einfach anschließen.“ Sie ist weg. Ich stehe wie angewurzelt vor den Briefkästen. „Einfach anschließen?“ Ich strahle über alle vier Backen. Sie möchte noch nicht mal Geld. „Geht schon in Ordnung“. Ich bin geplättet. Ich laufe zurück zum Wohnmobil. Ich krame das Elektrokabel hervor, schließe die Lakritzschnecke an das Wohnmobil an und werfe den restlichen Kabelsalat durch die Hecke. Mist, zu kurz.

Der Herr aus dem 1. Stock schaltet sich ein. In seiner Hand, eine Kabeltrommel. Guter Mann, doch kein Pantoffelheld. In Hausschuhen marschiert er durch das nasse Gras und verlegt die Kabel. Dann frage ich ihn, ob er Lust auf einen Tee in meinem Wohnmobil hätte? „Nein, meine Frau wartet mit dem Abendbrot.“

Im Wohnmobil drehe ich die Elektro-Heizung auf. Der Heizstab im Inneren glimmt auf. Wie ein Toaster. Ich kauere mich vor meinen Kamin und ziehe gleichzeitig an der Schnur meiner Stehlampe. An, aus, an, aus. Ich habe Licht. Diesen Moment würde ich am liebsten mit allen Leuten aus dem Telefonbuch teilen. Ein Rauschgefühl. Glücksseligkeit. So wie nach meiner bestandenen Führerschein-Prüfung oder nach der Volo-Zusage. Alle Arme offen. Alle Hände ausgestreckt. Alles ist möglich.

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