Nerven-Kienzle

In dieser neuen Umgebung bin ich Geräusch-Analphabetin. Ich lerne jeden Tag dazu. Das Alphabet besteht aus wiederkehrenden Tönen und aus solchen, die mich überraschen und flüchtig sind. Abends liege ich in der Koje, über dem Fahrerhaus. Meine Ohren wachsen zu Kaninchenlöffeln an. Ein Geräusch habe ich dabei besonders gern:

Es ist das Ticken dieser kleinen Uhr im Armaturenbrett. Das Ticken ist kein dynamisches, juveniles Ticken, nein, es ist kantig, hart und männlich. Dieses kleine Schlagwerk tickt mich in den Schlaf und verleiht meinem unkonventionellen Wohnstil einen Hauch Spießig- und Bürgerlichkeit. Ja, fast schon Büro-Atmosphäre. Ich finde diesen Kontrast großartig. In vielen Filmen rückt das Uhrenticken als Stilmittel in den Vordergrund, wenn sich zwei Menschen nichts mehr zu sagen haben. Es ist meistens negativ konnotiert. Für mich ist es der erste Schritt in Richtung Häuslichkeit.

Es erinnert mich auch an die alte Büffetuhr meiner Großeltern. An das goldene Ziffernblatt und das geschwungene Holzgehäuse.

„Kienzle“ steht auf der 3×3 Zentimeter großen Uhr. Meine Recherchen haben ergeben, dass es sich hierbei um die älteste deutsche Uhrenmarke handelt. 1822 tickten ihren Vorfahren zum ersten Mal. Oldtimer auch hier also. Gerne würde ich wissen, für wen diese Uhr in der Vergangenheit schon getickt hat. Und wie lange sie noch Ticken wird.

Wenn ich den Motor laufen lasse, wird das Ticken verschluckt. Es verstummt. Der Motor dominiert die Manege. Er ist ein Brummbär, der sich nicht von alleine bewegt, sondern den man erst dazu auffordern muss.

Beide Geräusche, sowohl das Ticken als auch der Motor, sind jetzt mein zu Hause.

 

Ein Kommentar zu „Nerven-Kienzle

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