Erste Fahrt, erste Nacht

Am Freitagabend wollte ich mir eigentlich zum letzten Mal eine Tiefkühlpizza gönnen, eine mit so richtig viel Käse und  fluffigem Rand. Es sollte eine Abschiedszeremonie werden. Adieu Backofen, adieu zerlaufender Käse. Aber irgendwie lachte mich der Ruccola-Salat im Laden mehr an. Auch, weil ich tagsüber eine interessante Begegnung mit einem Herrn hatte, der Herr Ruccolo hieß. Ich habe die Zeichen gedeutet und mich für das Grünzeug entschieden.

Die Nacht war zäh. Ich konnte nicht einschlafen. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herzschlag Löcher in die Matratze hämmert. Eine ganze Armee an Fragezeichen marschierte durch meinen Kopf. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Brauche ich vielleicht doch mehr Komfort, als ich mir eingestehen will? Für wen mache ich das eigentlich?

Auf nachdenklich folgte Vorfreude. Um halb12 ging die Reise am Samstag endlich los. Über blablacar habe ich Valentin kennengelernt. Ein cooler Typ. Er fährt einen 33-Jahre alten T3 Bulli. Auf seinem Armaturenbrett stand ein kleines Hula-Hula-Girl mit Baströckchen. In jeder Kurve wippte sie leicht nach rechts und links. Ein eleganter Hüftschwung. Ein gutes Leitmotiv für diesen Tag. Alles fügte sich  ohne Zwang, locker leicht aus der Hüfte.

Gegen 15 Uhr war ich endlich in Norsingen. Das ist so ein kleines Kaff südlich von Freiburg und auch der Standort des Autohändlers meines Vertrauens. Als ich mein Wohnmobil gesehen habe, ging mir das Herz auf. Ich hatte das Gefühl, dass es schon mit den Hufen schabte und aus den Scheinwerfern Rauch aufstieg. „Nimm mich endlich mit. Ich warte schon mehr als einen Monat auf dich. Los jetzt.“ Vom Autohändler habe ich mir noch einige wichtige Dinge erklären lassen. Zum Beispiel wie man die Gasflaschen auf- und zudreht. Sehr nützlich.

Dann dieser Moment: Zündschlüssel umdrehen und Motor aufheulen lassen. Das ist also der Soundtrack meiner neuen Lebensphase. Hört sich schon vertraut an. Die ersten Kilometer bin ich so langsam gefahren. Ich habe mich wie eine Schildkröte mit Ameisenbeinchen gefühlt. An Ampeln habe ich dennoch anerkennende Blicke geerntet. Vielleicht wurde ich auch belächelt. Das weiß ich nicht.

Nachdem ich einen guten alten Freund in Freiburg besucht hatte, bin ich dann in Richtung Schwarzwald aufgebrochen. Es war schon 19 Uhr. Die Sonne stand tief. Das Licht hatte die Farbe eines Bernsteins. Die Schatten meines Wohnmobils fuhren voraus. Hinter mir eine Karawane aus Autos. Gerade in den kurvenreichen und engen Passagen der B31 sorgte ich für ordentlichen Stau. Mit 60 Stundenkilometer kämpfte sich meine alte Dame die Berge hoch. Ich hatte fast Mitleid.

In Bad Dürrheim habe ich schnell einen Parkplatz gefunden. Und dann brach die Nacht über mich herein. Es war so dunkel. Kerzen und Taschenlampe hatte ich vergessen. Daher schaltete ich meinen PC ein und öffnete ein leeres Word-Dokument. Das ist weiß und bringt mehr Licht als ein Photo. Ich habe mich auf die Sitzbank gelümmelt, Musik gehört und den großen Wagen angestarrt. Noch ein bisschen telefoniert und dann die Augen zugemacht.

In der Nacht bin ich mehrmals aufgewacht. Es war sehr frisch. Die fremden Geräusche hielten mich auf Trab. Irgendwann fiel plötzlich ein Ast auf mein Dach. Ich hatte richtig Schiss. Kommt jetzt der Einbrecher? Aber nein, er kam nicht. Und ich habe weiter geschlafen. Meine Freundin, mit der ich zuvor telefoniert hatte, sagte mir, was auch immer du in der ersten Nacht in deinem neuen Zuhause träumst, es geht in Erfüllung.

Ich habe von Pfanddosen geträumt.

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